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Hollender, Martin: Es galt, den Nachlaß zu finden. Zur Situation literarischer Nachlässe in Nordrhein-Westfalen. - In: ProLibris 1 (1996), H. 1, S. 58 - 64

Das Interesse der Wissenschaft an Schriftstellernachlässen ist ungebrochen. Wer in eine der internationalen Datenbanken, etwa in die der Modern Language Association of America (MLA) das Suchwort "Nachlaß" eingibt, erhält Bestätigung: an die hundert deutschsprachige Forschungsaufsätze der letzten zehn Jahre zeugen von der Bedeutung, die die Literaturwissenschaft den dichterischen Hinterlassenschaften zur präziseren posthumen Interpretation und Biographik beimißt. Voraussetzung zur Arbeit an einem Nachlaß ist jedoch zunächst die Kenntnis seines Standortes.

Literarische Nachlässe besitzen den Status einer nahezu allein vom akademischen Fachpublikum wertgeschätzten Außenseiterexistenz im öffentlich-kulturellen Leben; dementsprechend vage sind häufig die Hinweise auf die exakte Lokalisierung verstreuter Hinterlassenschaften. Der deutsch-amerikanische Germanist Joachim J. Scholz schildert die Geschichte einer Trouvaille, den mühsamen Weg der Suche nach dem Nachlaß des oberschlesischen Schriftstellers August Scholtis:

"Es ging also darum, einen Roman, der in den Vorabdrucken gelegentlich 'Fürstenstein', dann später auch 'Schloß Fürstenkron' genannt wurde, zu finden. Da mir mein College in Amerika ein Forschungssemester für den Herbst 1986 zugebilligt hatte, wollte ich mich jetzt in Deutschland auf die Suche begeben. Es galt, den Nachlaß zu finden. Wie findet man aber den Nachlaß eines kürzlich verstorbenen Autors? Dazu gibt es selbstverständlich gedruckte Nachlaßverzeichnisse? Was macht man aber, wenn der gesuchte Nachlaß darin nicht aufgeführt wird, entweder weil der Autor noch nicht lange genug verstorben ist oder weil er vielleicht gar nicht für wichtig genug gehalten wurde, um in das Verzeichnis aufgenommen zu werden? Ich wandte mich zunächst einmal an die verschiedenen schlesischen Kulturorganisationen in der BRD. (...) Doch alle Anfragen blieben ohne Erfolg. (...) Manche glaubten zwar, genau zu wissen, wo der Scholtis' Nachlaß läge, schickten mich aber mit ihren gutgemeinten Hinweisen nur in immer neue Sackgassen. Ich wurde auch an Privatpersonen verwiesen; in Berlin sah ich schließlich sogar eine Kopie einer Version des Romans im Privatbesitz, aber der Nachlaß an sich schien unauffindbar. Es war schließlich der reine Zufall, der mich bei einer Busfahrt, die im Rahmen einer Literaturtagung stattfand, neben einem älteren Herrn Platz nehmen ließ, der, als er von meiner Suche hörte, ohne jedes Zögern sagte: 'Aber das ist doch ganz einfach, der Nachlaß liegt in der Dortmunder Stadt- und Landesbibliothek!' (...) Und wirklich, am Telefon bestätigte mir eine sehr nette Dame von der Handschriftenabteilung, daß ein riesiger Nachlaß von Scholtis bei ihr läge, und ich sollte doch einfach mal nach Dortmund kommen, um mir einen Überblick zu verschaffen." 1

Dem Zufall weitgehend auf die Sprünge zu helfen, dient das nun vorliegende Verzeichnis literarischer Nachlässe in Nordrhein-Westfalen2 das zugleich auch ein Kaleidoskop deutscher Zeitgeschichte vorwiegend des 19. und des 20. Jahrhunderts darstellt. Liberale Salondamen des Vormärz rufen sich in Erinnerung, bekannte Namen der Revolution von 1848 gemahnen an die seit jeher zwiespältige deutsche Zeitgeschichte, an Zensur, Revolution und Repression, an kleine Versuche zur Demokratie und anschließende große Enttäuschungen. Politikgeschichte spiegelt sich in den Literaten ihrer Zeit: Industrialisierung und Frühkapitalismus haben ihre Entsprechung in einer zunehmend sozial orientierten Literatur, Chauvinismus und militärische Erwartungshaltung bilden sich ab in der Begeisterung vieler Intellektueller über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Reimende Parteigänger des Faschismus stehen Seite an Seite mit Verfolgten des Naziregimes, mit sozialrevolutionären Dichtern, die die Literatur als Waffe gegen die Diktatur ansahen und ihre künstlerisch-politische Überzeugung nur allzu oft mit dem Leben bezahlen mußten. - Ein Verzeichnis aber verzeichnet nur, es wertet nicht. Die Kategorisierung, die Trennung von demokratischer littérature engagée und ergebener Parteidichtung ist der Literaturwissenschaft, den Benutzern des vorliegenden Kataloges, vorbehalten.

Eben weil das Verzeichnis sich qualitativer Wertungen weitgehend enthält, weil es einen jeden mit seinem literarischen Nachlaß in nordrhein-westfälischen Archiven aufgenommenen Poeten gleichberechtigt und allein nach dem Kriterium der alphabetischen Sortierung benennt, eignet sich das Verzeichnis neben seiner primären, seiner breit angelegten Findbuchfunktion, auch als Lesebuch: als eine teils vergnügliche, teils betrüblich stimmende, allzeit jedoch fesselnde Kombination aus Literaturgeschichte, nordrhein-westfälischer Landeskunde und deutscher Sozialgeschichte der vergangenen 150 Jahre. Schreibende Fabrikdirektoren stehen Seit' an Seit' mit dichtenden Arbeitern und vermitteln das trügerische Bild einer sozialen Harmonie, die so bekanntlich nie existierte.

Eine oberflächliche Betrachtung des Verzeichnisses ist in der Tat geeignet, an die Chimäre einer sich in der Gemeinsamkeit der Dichtung konstituierenden klassenlosen Gesellschaft zu glauben. Denn ihr Welterfahren schreibend auszudrücken, war keine monopolistische Domäne der Besitzenden: die beeindruckende Zahl der Nachlässe von Arbeiterdichtern belegt die Bedeutung, die auch in Zukunft der staatlich unterstützten Volksbildung beikommen muß. Der Schreibende Arbeiter, das beweist das Verzeichnis eindrucksvoll, ist kein aus Weltverbesserungsdenken entstandenes kulturpolitisches Wunschbild, vielmehr verfügte und verfügt Nordrhein-Westfalen noch heute über eine blühende Arbeiterliteratur, über staatlicherseits nicht gängelnde, sondern ermunternde und letztlich konservierend-archivierende Unterstützungsmechanismen zur Herausbildung und Förderung einer ebenso progressiven wie regionalspezifischen Literaturform.

So verfügt das Dortmunder Fritz-Hüser-Institut für deutsche und ausländische Arbeiterliteratur über die Archivalien des Werkkreises Literatur der Arbeitswelt. Diesen Materialien kommt zukünftig, insbesondere in Zeiten eines steigenden Interesses an Alltagsgeschichte, an oral history und an interdisziplinären soziokulturellen Forschungsmethoden, eine heute noch kaum absehbare Bedeutung zu. Der Werkkreis beschreibt seine Intentionen:

"Die Betroffenen sollen endlich zu Wort kommen und selbst schildern, was ihre Probleme, Nöte, Wünsche und Hoffnungen sind. Sie sollen ihre betriebliche Situation und die Verhältnisse an ihrem Arbeitsplatz schildern und darüber hinaus in ihrem Leben, und zwar aus ihrer Sicht - was denn sonst?! Es ist für alle (auch für die außenstehenden Wissenschaftler, Leser etc.) die einzige Möglichkeit, einen wichtigen Aspekt unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit kennenzulernen und zu erfassen. Da gibt es nicht nur die handwerkliche Tätigkeit in den Betrieben, es gibt Interessenkonflikte und Machtkämpfe, nicht zuletzt den zwischen Kapital und Arbeit. All das können doch die am besten schildern, die es tagtäglich selbst erleben. Das bedeutet nicht nur minutiöse Beschreibung der Arbeitsvorgänge, sondern auch der Gefühle bei diesen entfremdeten Arbeitsvorgängen, der Gedanken, Wünsche und Hoffnungen. Weiß denn der intellektuelle Schöngeist und freie Schriftsteller überhaupt, was es heißt, Tag für Tag um 5.30 aufzustehen, eine Stunde zum Arbeitsplatz zu fahren, acht oder neun Stunden in einer Knochenmühle oder in einem vollklimatisierten Großraumbüro zu wuhlacken und dann wieder eine Stunde zurück nach Hause zu hasten, ausgelaugt und müde im Kopf und in den Gliedern; - und im Winter ist es dunkel, wenn man wegfährt, und wenn man heimkommt, ist es wieder dunkel? Wer kann darüber besser etwas sagen als die Betroffenen selbst?"3

Dichtende Frauen? Wer eine Geschichte der Weltliteratur durchblättert, macht einen Anteil von 8% schreibenden Frauen aus, die einer erdrückenden Übermacht von 92% schreibenden Männern gegenüberstehen. Die nordrhein-westfälischen Archive beherbergen ca. 13% literarische Nachlässe von Frauen - ein zunächst erfreuliches Resultat, das bei genauerer Betrachtung indes einmal mehr die desolate soziale und finanzielle Lage vieler Frauen der Vergangenheit beleuchtet. Die Vorherrschaft des Patriarchats bedeutete auch die Dominanz des Männlichen im Literaturwesen; Frauenliteratur nicht nur im gegenwärtigen Prozeß des Schreibens zu pflegen, sondern die vorhandene Substanz weiblicher Literatur in Nordrhein-Westfalen zu hegen und zu sammeln, ist darum unter dem Aspekt einer zu erreichenden Gleichstellung der Frau auch und gerade im Kulturbereich ein zentrales Zukunftsvorhaben der Literaturpolitik des Landes.

Eines ist auffällig: die 'ganz großen Namen', die Koryphäen der Literaturgeschichtsbücher, fehlen oder sind in Nordrhein-Westfalen nur mit unbedeutenden Splitternachlässen vertreten - abgesehen freilich von den Beständen in denjenigen Archiven und Museen, die sich der Aufarbeitung des Werkes eines speziellen Dichters und seines Umfeldes widmen, wie etwa dem Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut und dem gleichfalls in Düsseldorf beheimateten Goethe-Museum. Abseits der großen Städte indes atmen, zumindest unter streng philologischen Aspekten, die Landarchive häufig den bitteren Geruch literarischer Provinzialität. Ein möglicher Trumpf der kleineren, nicht mit international namhaften Poeten prunkenden Archive darf indes nicht unterschlagen werden: ihre selten beachteten Bestände mögen mitunter reizvoller sein als diejenigen der großen Häuser in den Metropolen, wie Bernhard Zeller, Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, verdeutlicht:

"Keineswegs sind Name und Rang eines Schriftstellers stets identisch mit der wissenschaftlichen Bedeutung seines Nachlasses. Gerade der anerkannte Autor hat in der Regel Gelegenheit, alles, was er schreibt, zu veröffentlichen. Unbekanntes, Unpubliziertes findet sich also bei ihm seltener. Der Inhalt des Bestandes ist wichtiger als der Name des Nachlassers. Manche Bestände, verzeichnet unter Namen, die nicht allgemein bekannt sein mögen, sind von Wichtigkeit, weil sich in ihnen bedeutsame Manuskript- und Briefsammlungen anderer Autoren befinden, die aber aufgrund des Provenienzprinzips beim Empfänger abgelegt sind. Nicht wenige Autoren - Carossa, Hesse, Thomas Mann oder Rilke wären zu nennen - haben mit die schönsten ihrer Manuskripte an Freunde und Verlage verschenkt, unter deren Namen sie nun gesucht werden müssen."4

Gleichwohl: Dieses auffällige Literaturkoryphäen-Defizit in Nordrhein-Westfalen einzugestehen, ist eine Pflicht, ermuntert jedoch augenblicklich, nach den historischen Ursachen dieser qualitativen Mediokrität zu fragen. Zunächst ist hier von der archivalischen Bedeutung der Universitätsarchive zu sprechen; wo jedoch keine Universitäten gegründet worden waren, fehlte eine der wesentlichen Institutionen zur sachgerechten Erhaltung des zeitgenössischen Kulturgutes. In Nordrhein-Westfalen waren bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts Hochschulen, die als Nebenaufgabe traditionell eben auch das Bewahren dichterischer Nachlässe pflegten, dünn gesät. Auf demjenigen Territorium, das sich 1946/47 aus der Provinz Westfalen, der Nordrheinprovinz und dem Land Lippe zum Bundesland Nordrhein-Westfalen, der Bemessungsgrundlage unseres Verzeichnisses, herausbildete, existierten im 19. Jahrhundert, als sich ein verstärktes Interesse an literarischen Nachlässen herauszubilden begann, allein zwei Hochschulen: die Ende des 18. Jahrhunderts gegründeten Universitäten Bonn und Münster. Kaum verwunderlich, daß die Universitätsarchive dieser Städte deshalb über ansehnliche und bedeutende literarische Nachlässe verfügen; bezeichnend jedoch auch, wie sehr also nachweisbar die jahrhundertealte akademische Diaspora unserer Breiten auch die Entwicklung fulminanter Literaturarchive verhindert hat.

Mit dieser lange vorherrschenden wissenschaftlichen Misere des Rheinlandes und Westfalens einher ging lange Zeit eine gleichfalls der Herausbildung erstrangiger Literatennachlässe abträgliche kulturpolitische Ödnis, eine Abwesenheit jeglicher Avantgarde und künstlerischer Aufbruchstimmung. Die mondäne Welt, die Avantgarde, das Bohémientum, das Dandytum fand sich nur selten zwischen Aachen und Unna, auch nur mitunter in Köln oder Düsseldorf. Progressive Tendenzen wurden woanders aufgespürt, die Wegmarken der literarischen Moderne wurden woanders gesetzt. Nordrhein-Westfalen war zu keiner Zeit intellektueller Nabel Deutschlands; in dieser Hinsicht werden Nachlaßverzeichner in geistigen Zentren Deutschlands, wie in Berlin, München, Weimar, Heidelberg, Tübingen, Jena etc. ertragreicher arbeiten können.

Nordrhein-Westfalen, beziehungsweise jenes Territorium, das wir heute Nordrhein-Westfalen nennen, war - und auch darüber gibt das Verzeichnis hinreichend Auskunft - keine Region des Geistes, der Bildung und der Ausbildung, sondern vielmehr ein Terrain der Industriearbeit und der Landwirtschaft. Die geographischen und ökonomischen Bedingtheiten des Landes spiegeln sich getreu in der sie beschreibenden Literatur: die landwirtschaftliche Prägung des Rheinlandes wie auch des Sauerlandes verursachte eine bodenständige, stark christlich, ja häufig pietistische Literatur staatsbejahenden Charakters. Die konservativ gesinnte bäuerliche Welt des Niederrheins schuf sich eine ihr gemäße Dichtung: derb, rural, den jeweiligen Autoritäten devot ergeben.

Wie anders zumeist auf der gegenüberliegenden nordrhein-westfälischen Polkappe, dem Ruhrgebiet! Gewerkschaftlich orientiert, besaßen die schreibenden Bergwerksarbeiter ein ausgeprägtes, zumeist sozialistisches Bewußtsein. Pazifistischem und internationalistischem Gedankengut zugetan, wurde ganz im Sinne einer globalen, schranken- und klassenlosen Sprache der Esperantogedanke gepflegt, wurde in Arbeiterbildungsvereinen Dichtung in der Kunstsprache Esperanto verfaßt, um literarisch bereits durch den äußeren ersten Anblick den intendierten Abschied von einem bornierten und militaristischen Nationalismus deutlich zu machen.

Den eben beschriebenen literarischen Standortnachteil Nordrhein-Westfalens, sein seit jeher nur wenig ästhetisierendes Flair, macht jedoch in archivalischer Hinsicht ein anderer geographischer Umstand wieder ein wenig wett: Der heutige Reichtum der Archive an Rhein und Ruhr ist nicht unwesentlich dem Faktum zu verdanken, daß mit der Stadt Bonn die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland sich über vierzig Jahre hinweg auf nordrhein-westfälischem Territorium befunden hat. Auch in einem föderativ geprägten Staatswesen übt die Kapitale eine ganz selbstverständliche Anziehungskraft auf Stiftungen, Verbände, Gewerkschaften und jegliche Lobbyisten aus - die nordrhein-westfälischen Archive verdanken der regen Sammel- und Erwerbungstätigkeit der parteinahen Stiftungen in Bonn und St. Augustin wertvolle Bereicherungen insbesondere in den Grenzbereichen von Politik, Journalistik und politischem Schrifttum.

Literarische Nachlässe von Ausländern gehören zu den Ausnahmen und gelangen, wie die Beispiele des chinesischen Lyrikers Gu Cheng und des irischen Dramatikers Walter Macken belegen, offenbar nicht selten durch Vermittlung von Universitätsdozenten oder im Zusammenhang mit Kulturpreisverleihungen5 an ausländische Literaten in die Archive. "Gastarbeiterliteratur", die künstlerische Verarbeitung des Gefühls der Fremde und oftmals des Ausgestoßenseins in einem anderen Kulturkreis, hat bisher noch in kein nordrhein-westfälisches Archiv Einzug gehalten. Es wird eine Aufgabe der kommenden Jahre sein, eben diese literarischen Beschreibungen Nordrhein-Westfalens aus der Sicht ausländischer Arbeitnehmer, deren erste Generation das Rentenalter erreicht hat, zu sichern und der drohenden Vergessenheit zu entreißen.

Das Land spricht platt - rheinisch, westfälisch oder lippisch; und so schreibt es auch und beschreibt sich und seine Umwelt. In nordrhein-westfälischen Archiven warten Dutzende von Mundartnachlässen auf ihre Entdeckung, ihre Sichtung und Auswertung. Denn längst sind die Zeiten passé, in denen Dialektliteratur allein milde belächelt wurde. Literaturwissenschaftler haben die Regionalliteratur mit der ihr eigenen spezifischen lokalen Mundart längst entdeckt; und auch unter globalen politischen Aspekten - der Abkehr vom Nationalstaat, hin zu einem grenzüberschreitenden Europa der Regionen - kommt einer fördernden Beachtung heimatkundlicher Mundartdichtung eine sich in Zukunft noch steigernde Bedeutung zu.

Wer wäre berufener, Regionalliteratur, die mit den Mitteln der künstlerisch modulierten Sprache die Region, ihre Sitten und ihr Brauchtum beschreibt und den nachfolgenden Generationen anschaulich zu schildern vermag, zu unterhalten und zu umsorgen als eine Landesregierung und ihre kulturellen Instanzen? Das vorliegende Bestandsverzeichnis eben auch unserer heimischen Mundartdichter ist ein wesentlicher Mosaikstein innerhalb der vielfältigen Bemühungen, regionaler Dialektliteratur zu neuem Ansehen zu verhelfen.

In diesem Kontext müssen auch die Initiativen des Landes Nordrhein-Westfalen zur Bestandssicherung der literarischen Kultur der ehemaligen deutschen Ostgebiete gesehen werden. Von dieser gemeinhin wenig beachteten Kulturförderung zeugen die zahlreichen Archivalien etwa der Stiftung Haus Oberschlesien in Ratingen-Hösel, der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne oder des Institutes für Ostdeutsche Musik in Bergisch-Gladbach, alle drei u.a. in der Trägerschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Im Jahre 1964 ging das Land NRW ein Patenschaftsverhältnis mit der Landsmannschaft der Oberschlesier ein; in Verbindung mit dem Paragraphen 96 des Bundesvertriebenengesetzes, der die materielle und ideelle Förderung des Kulturgutes aus den früheren deutschen Ostgebieten regelt, engagiert sich das Land Nordrhein-Westfalen nunmehr seit Jahrzehnten insbesondere für die Förderung und Bekanntmachung oberschlesischer Geschichte, Volkskunde und Literatur. Durch Unterstützung des Landes konnte so beispielsweise die Stiftung Haus Oberschlesien verschiedene qualitativ bedeutende literarische Nachlässe übernehmen und durch wissenschaftlich fundierte Nachlaßeditionen - wie etwa im Falle des oberschlesischen Romanciers August Scholtis - dem drohenden Vergessen anheimfallenden Dichtern zu einem kleinen Comeback in der Fachwelt und der interessierten Öffentlichkeit verhelfen.

Auffallend ist die ungleiche Verteilung der literarischen Nachlässe innerhalb der Archive: während in 70% der nordrhein-westfälischen Archive nur jeweils 1-3 Nachlässe von Schriftstellern aufbewahrt werden, zumeist sogar nur ein einziger, konzentrieren sich 50% aller Nachlässe auf sechs Institutionen, d.h. auf nicht einmal ein Prozent aller Archive. In 11% der Archive lagern dann noch immer 66% der Nachlässe. Die Ursache hierfür ist in der Varietätenbreite der archivalischen Aufgaben zu sehen. Das Nordrhein-Westfälische Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf etwa verfügt über die stattliche Anzahl von 250 Nachlässen, unter denen allerdings nur zwei als im weiteren Sinne literarisch anzusehen sind. Die verbleibenden 248 Nachlässe verteilen sich auf Politiker, Wirtschaftskapitäne und Wissenschaftler; nur in Ausnahmefällen findet der Nachlaß eines Poeten seinen Weg in die Depositorien für Staatliches Behördenschriftgut. Günstiger bereits sieht diese Rechnung beim Düsseldorfer Stadtarchiv aus; hier ist, aufgrund des speziellen Sammelinteresses auch hinsichtlich kommunaler Kultur und örtlichen Brauchtums, bereits jeder dritte Nachlaß als literarisch zu kategorisieren.

Dennoch, so mag man fragen, angesichts der großzügigen Auslegung der Definition des Begriffes 'Schriftsteller', die auch Opernlibrettisten, Astrologen und Kirchenlehrer nicht verschmäht und ausgrenzt, wo fand die überwiegende Masse der in Nordrhein-Westfalen zu letzter archivalischer Ruhe gelangten Autoren eine Heimstatt, welches Institut, welche Bibliothek sammelt Schriftsteller nicht allein als schmückendes Beiwerk zur Alltäglichkeit der Korrespondenzen und Aktenvermerke, sondern betreibt aktive Literaturpolitik?

Die Antwort darauf geben die nordrhein-westfälischen Spezialarchive für schöngeistige Literatur, die sich in den vergangenen Jahrzehnten zu Zentren der archivalischen Dichterpflege mit einer mitunter ideologischen und häufig thematischen Ausrichtung entwickelt haben. Das Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf und das Institut für Deutsche und Ausländische Arbeiterliteratur in Dortmund sind herausragende Exponenten dieser internen Spezialisierung von Institutionen nicht auf Literatur allein, sondern innerhalb des Erwerbs literarischer Nachlässe auf penibel akzentuierte Schwerpunktsetzungen. Während das Heinrich-Heine-Institut das zeitliche und weltanschauliche Umfeld seines Namensgebers, vornehmlich aus dem Bereich der deutschen Vormärzliteratur, aber darüberhinaus verstärkt auch jene Literaten aufnimmt, die in der Denk- und Schreibtradition Heines ein progressives Weltbild dichterisch zu vermitteln bemüht waren, setzen die Dortmunder Institutionen auf die Wahrung der Arbeiterliteratur des Ruhrgebietes. Diese Institutionen begegnen so der Gefahr, zu Schubladen des literarischen Sammelsuriums zu werden, zu sammeln um des Sammelns willen und nicht länger um der Literatur willen, zu Auffangkörben für ein allzu heterogenes Potpourri aller Epochen, Regionen und Stile zu werden. Düsseldorf und Dortmund - weitere Institutionen wie das Düsseldorfer Goethemuseum mit Konzentration auf die klassisch-aufklärerische Epoche wären zu nennen - haben so ihren Literaturarchiven ein eigenes Gesicht verliehen, individuelle Akzente in ihrer Erwerbungspolitik gesetzt und zu einer charakterlichen Profilierung der diffus in Kartons dahindämmernden Archivalien beigetragen. Wer vom Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut spricht, weiß, daß dort namentlich jene Schriftstellernachlässe eine Heimstatt gefunden haben, die im Geiste Heines eine den Prinzipien der Toleranz, der kritischen Aufklärung und der Staatskritik verbundene Literatur geschaffen haben. Auf diese Weise entwickeln sich auch durch die verknüpfende Archivierung Traditionslinien, kulturelle Vermächtnisse, literarische Rezeptionsstränge, entwickeln Literaturarchive eine Sogkraft, einen soziokulturellen Magnetismus, eine Anziehungskraft auf weitere Nachlässe, die Lücken zu schließen vermögen oder sich organisch in den Korpus des bereits Inventarisierten einfügen können.

Ein Beispiel aus neuerer Zeit mag diesen Aspekt illustrieren und beweisen: Der Schriftsteller und Journalist Bernt Engelmann hinterließ nach seinem Tode im Jahre 1994 dem Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut seinen gesamten Nachlaß - aus eben dem Grund seiner geistigen Verwandtschaft zu Heine und dem instinktiven Gefühl, seine Manuskripte, Korrespondenzen und Gerichtsakten aus Jahrzehnten in einem seiner Weltsicht zumindest anverwandten Ambiente zu wissen. Es erweist sich, daß einerseits dem, der bereits hat, noch gegeben wird - daß ein thematisch, epochenhaft oder ideologisch spezialisiertes Archiv zu einer sinnigen Erweiterung seiner Bestände quasi naturrechtlich legitimiert ist und somit gegenüber anderen Interessenten privilegiert ist - daß andererseits aber auch von seiten der Nachlasser und ihrer Erben eine gesteigerte Erwartungshaltung zu konstatieren ist. Ambiente, finanzielle Tragkraft und individuelles Engagement eines Archives sind in ihrer Bedeutung zunehmende Faktoren bei der Entscheidungsfindung für ein dem Stellenwert des Nachlasses angemessenes Archiv. Der Neffe und Erbe der Dramatikerin Marieluise Fleißer etwa begründet, warum er den Nachlaß der Fleißer der Stadt Ingolstadt und nicht den prominenten Mitbewerbern - Akademie der Künste in Berlin, Deutsches Literaturarchiv in Marbach, Bayerische Staatsbibliothek in München - verkaufte:

"Einmal liegt es daran, daß ich der Meinung bin, daß der Nachlaß in Bayern bleiben sollte, aus zwei Gründen: erstens, weil die Fleißer so wie wenige in ihrem Werk typisch auf die bayerische Lebensart bezogen war. Zweitens, weil Ingolstadt ein paar Bedingungen erfüllt hatte, die von der Staatsbibliothek München, mit der ein Vertrag fast perfekt gewesen war, nicht erfüllt worden wären, beispielsweise, daß man an dem Nachlaß weitersammeln wird, alles sammeln wird, was zu Marieluise Fleißer weiter erscheint, so die Programmhefte von künftigen Aufführungen, Artikel über sie in Literaturzeitschriften, selbstverständlich auch alle Bücher, in denen etwas über sie abgedruckt ist. Der zweite wesentliche Grund war, daß die Stadt sich bereiterklärt hat, einen Preis zu stiften... Und dann natürlich auch der ganz andere Grund, daß es für jeden, der über die Fleißer arbeitet, ein Plus ist, wenn er gezwungen ist, nach Ingolstadt zu kommen, und das Klima der Stadt auch ein bißchen hautnah zu spüren bekommt."6

Öffentliche Einrichtungen sind kaum mehr in der Lage, finanziell aus dem vollen zu schöpfen.7 Umso wichtiger mag es da werden, mit Vorhandenem zu werben, aus der Elfenbeinturmatmosphäre des introvertierten Archivwesens herauszutreten und so außenwirksam finanzielle staatliche Rückenstärkung einzufordern. Ein gelungenes Beispiel für eine solches Kulturmarketing eines Archives lieferte beispielsweise anläßlich ihres 75jährigen Bestehens 1982 die Stadt- und Landesbibliothek Dortmund mit der Ausstellung ihrer Handschriftenabteilung Dortmund - eine Stadt in Briefen und Manuskripten. Persönlichkeiten aus drei Jahrzehnten in Dokumenten der Handschriftenabteilung8. Einer den Problemen des literarischen Lebens weitgehend desinteressiert gegenüberstehenden Öffentlichkeit offensiv zu begegnenund zunächst 'verstaubt' wirkendes Aktenmaterial durch didaktisch überzeugende Ausstellungen zu neuem Leben zu erwecken, ist eine überaus praktikable und von vielen archivalischen Institutionen des Landes praktizierte Form der Öffentlichkeitsarbeit und gleichzeitigen produktiven Arbeit am eigenen Nachlaßfundus.

Immer wieder zu werben - für neue Nachlässe oder lückenergänzende Nachlaßteile - gehört zu den unabdingbaren Aufgaben der Gemeinschaft der archivierenden Institutionen. Denn - Forschungsarbeiten über Nachlässe lassen diesen Aspekt selten unberücksichtigt - Nachlässe bedürfen nach der Übernahme durch die Archive der baldigen Aufarbeitung. Der Nachlaß etwa des westfälischen Dramatikers Erwin Sylvanus umfaßt allein im Teilbereich seiner Korrespondenzen zwischen 20.000 und 30.000 Briefe; zu Recht fordert ein Arbeitsbericht über die Erschließung des Nachlasses: "Vor allem sollte die Korrespondenz bald nach den Briefschreibern geordnet werden, um sie benutzbar zu machen. Dies sollte geschehen, solange es noch möglich ist, gegebenenfalls Auskünfte von Zeitgenossen einzuholen."9 Berücksichtigt man darüberhinaus, in welch chaotischem und teilweise durch Einwirkung des Autors beklagenswertem Zustand manche Nachlässe in die Archive finden10, potenzieren sich die Eile, Nachlässe zumindest provisorisch zu bearbeiten und ganz allgemein die Notwendigkeit, auch und gerade in Zeiten sparsamer öffentlicher Kulturetats die Werbetrommel für eine weiterhin großzügige finanzielle Ausstattung der Literaturarchive zu rühren. So sehr der kollektive Dank aller literarisch Interessierten auch den großen Einzelstiftern gebührt, den Sammlern zu Lebzeiten und späterhin altruistischen Förderern - zu nennen wären u.a. der Begründer des Grabbe-Archivs, Alfred Bergmann, der Initiator der Dortmunder Tradition der Arbeiterliteratur, Fritz Hüser, sowie Bernt Engelmann, der seine materiell wie ideell unschätzbare Autographensammlung dem Düsseldorfer Heine-Institut vermachte - so sehr verdienstvolle Liebhaber und Mäzene der Sache gut gefüllter und zugleich gut erschlossener Literaturarchive dienen, so ist doch weiterhin die staatliche Kulturförderung in erster Linie aufgerufen, die vorhandenen Materialien zu bewahren und nach Kräften auszubauen und wissenschaftlich wie breitenwirksam bearbeiten zu helfen.

© Martin Hollender

Redaktion: Heinz-Peter Berg       Stand: 24.11.2008, 09:32
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