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Sinn und Unsinn von Ketten im OPAC

Hans Ullrich Weidemüller

Vorbemerkung

Reduziert man die etwas reißerisch aufgemachte Titelformulierung auf ihren sachlichen Gehalt, so ergeben sich drei grundsätzliche Fragen:

  1. Welche Funktionen erfüllen Schlagwortketten (SW-Ketten) im konventionellen Zettel- oder Listenkatalog?
  2. Lassen sich diese Funktionen auf Online-Kataloge übertragen bzw. durch online-typische Funktionen ersetzen?
  3. Welche Funktionen können SW-Ketten im Online-Katalog übernehmen?

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1 SW-Ketten-Funktionen

Welche Funktionen erfüllen SW-Ketten in konventionellen Zettel- oder Listenkatalogen?

1.1 Determination

Schlagwortgebung ohne Möglichkeit zur Kettenbildung erzeugt methodenbedingt Spezifität durch Verwendung zusammengesetzter (präkombinierter) Bezeichnungen, d.h. durch ungebremste Einführung bzw. Benutzung von Komposita, Adjektiv-Substantiv-Verbindungen oder Wortfolgen. SW-Ketten dagegen erzeugen - zumindest in ihrer idealtypischen Anwendung - Spezifität durch Determination. Dabei erfolgt die Einengung eines "weiten" Schlagworts (SW) durch Hinzufügen weiterer Schlagwörter (SWW) für ergänzende semantische Merkmale oder, um es mit RSWK zu formulieren: ein Hauptschlagwort wird durch Unterschlagwörter eingeengt (spezifiziert).

Beispiele:

Spezieller Inhalt : Verarbeitung von Farbbildern unter Echtzeitbedingungen
Spezifisches ("enges") Einzel-SW (stark präkombiniert): Echtzeitfarbbildverarbeitung
oder: Echtzeitfähige Farbbildverarbeitung
Spezifisches Gesamt-SW ("weite" Einzel-SWW präkoordiniert): Farbbild / Bildverarbeitung / Echtzeitverarbeitung
Spezieller Inhalt :Optische Messung der Rauhigkeit von Stahloberflächen
Spezifische Einzel-SWW (stark präkombiniert): Stahloberflächenrauhigkeit / Optische Rauhigkeitsmessung
Spezifisches Gesamt-SW ("weite" Einzel-SWW präkoordiniert): Stahl / Metalloberfläche / Rauhigkeit / Optische Messung

Wie die Beispiele zeigen, erlaubt die Ketten-Funktion "Determination", spezielle Dokumenteninhalte (Gegenstände, Themen) spezifisch und deckungsgleich (koextensiv) zu beschreiben, ohne jedoch ebenso spezifische, zusammengesetzte (präkombinierte) Einzel-SWW zu verwenden. Die Ansetzung von SWW nach RSWK kann und darf daher nicht ohne Beachtung der Möglichkeit zur Determination erfolgen. Die Merkmalsanreicherung unspezifischer Begriffe durch SW-Verknüpfung prägt den Wortschatz: SW-Ketten statt Komposita oder anderer zusammengesetzter Bezeichnungen, Präkoordination statt Präkombination.

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1.2 Vokabularbegrenzung

SW-Ketten umschreiben einen komplexen Begriff oder Gegenstand durch Verknüpfung mehrerer, möglichst im Suchvokabular enthaltener SWW. Durch diese Methode der Präkoordination lassen sich Begriffe repräsentieren, ohne das Vokabular der verwendeten Dokumentationssprache mit ständig neuen, komplexen, d.h. mehrfach zusammengesetzten Bezeichnungen aufzublähen.

Vokabular unter Präkombination Vokabular unter Präkoordination
Farbbild Farbbild
Farbbildverarbeitung  
Echtzeitfarbbildverarbeitung  
Echtzeitverarbeitung Echtzeitverarbeitung
Echtzeitbildverarbeitung  
Bildverarbeitung Bildverarbeitung
Stahl Stahl
Stahloberfläche  
Metalloberfläche Metalloberfläche
Stahloberflächenrauhigkeit  
Oberflächenrauhigkeit  
Oberflächenmessung  
Optische Messung Optische Messung
Optische Rauhigkeitsmessung  
Rauhigkeit Rauhigkeit
Rauhigkeitsmessung  

Wie das Beispiel zeigt, erlaubt die Ketten-Funktion "Vokabularbegrenzung", das Suchvokabular einer Dokumentationssprache überschaubar und damit kontrollierbar zu halten.[1]

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1.3 Filter

SW-Ketten sind stets spezifischer als einzelne, unverbundene SWW. Umfassende Gesamtdarstellungen einerseits und spezielle Aspekte eines Gegenstandes (Themas) andererseits stehen daher nicht undifferenziert unter ein und demselben Einzel-SW.

Beispiele (aus: DNB-CD-ROM 1991-):

Schlagwort
Bucco <von Worms> +
Bucer, Martin / Abendmahlslehre 1
Bucer, Martin / Biographie 2
Bucer, Martin / Flugschrift / Fruehneuhochdeutsch / Druck 1
Bucer, Martin / Kongress / Strassburg <1991> 1
Bucer, Martin / Theologie / Calvin, Jean 1
Buch 3
Buch / Anthologie 1
Buch / Aphorismus / Anthologie 1
Buch / Apostrophe / Latein / Literatur / Geschichte 40 1
Buch / Auflage +
Buch / Bibliothek / Sowjetunion / Geschichte / Aufsatz 1
Buch / China / Geschichte 1
Buch / Christentum / Zeitschrift 1
Buch / Deutsches Sprachgebiet / Geschichte / Bibliographie 1
Buch / Deutschland 1
Buch / Deutschland / Geschichte 1500-1900 / Aufsatzsammlung 1
Buch / Duesseldorf / Geschichte 1
Buch / Evangelisation / Zeitschrift 1
Buch / Format +
Buch / Fragment / Bibliographie 1
Buch / Frankreich / Geschichte 1530-1780 1

Der Suchbegriff Buch allein ist nur mit drei Treffern vertreten, entsprechend den wenigen allgemeinen, umfassenden Darstellungen des Themas Buch schlechthin wie z.B.

  • Das Buch in Praxis und Wissenschaft
  • Buchwissen
  • Buchkunde
Spezielle Aspekte des Themas Buch wie z.B.
  • Lesen - ein Heilsweg: vom religiösen Sinn des Buches
  • Die Anrede an das Buch in der römischen Dichtung
  • Buchmarketing
  • Kleine Geschichte des Düsseldorfer Buches
  • Der befragte Leser: Buch und Demoskopie
stehen separat davon unter den verschiedenen zutreffenden SW-Ketten.

Bei gleichordnender Indexierung bzw. bei der Zerschlagung von präkoordinierten Indexaten wird diese differenzierende bzw. präzisierende Wirkung der Ketten aufgehoben, und zwar mit der Folge einer unerwünscht hohen Treffermenge unter dem Suchbegriff Buch und der Verlagerung des Selektionsaufwandes auf den Benutzer.

Beispiele (aus: DNB-CD-ROM 1991 - ):

Schlagwortbegriff
Bububendorf 1
Buber 28
Bubikon 1
Bubis 1
Bubriski 1
Bucer 1
Buch 302
Buchaltaerchen 1
Buchanan 2
Buchantiquariat 1
Buchara 1

Wie ein Vergleich der Beispiele zeigt, trennt die Ketten-Funktion "Filter" Allgemeines von Speziellem: sie filtert spezielle Themen aus großen, inhaltlich heterogenen Treffer- bzw. Titelmengen.

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1.4 Syntax

Die Methode der SW-Ketten-Bildung basiert auf der Verwendung (einfacher) syntaktischer Mittel, um den Kontext, in dem ein SW steht, zu erhalten resp. um Beziehungen zwischen SWW oder den Grad der Zusammengehörigkeit von SWW darzustellen.

Die RSWK-Syntax erlaubt z.B. mit dem Mittel der Anordnung von SWW innerhalb einer oder mehrerer SW-Ketten die Darstellung folgender dokumentspezifischer Beziehungen:

  1. SWW nicht in inhaltlicher Beziehung: mehrere Ketten [2]

    Mann / Identitätsfindung / Mutterbindung (1. Kette)
    Frau / Identitätsfindung / Vaterbindung (2. Kette)
  2. SWW in inhaltlicher Beziehung: eine Kette Reihenfolge der SWW in der Kette je nach Art der Beziehung:

    • Ungerichtete Beziehung (z.B. Vergleich, gegenseitiger Einfluß): Reihenfolge frei
      Mann / Frau
    • Enge Zusammengehörigkeit: Gruppenbildung (innerhalb einer Kette)
      Mann / Ehebruch / Frau / Rache
      Frau / Körpersprache / Mann / Missverständnis
    • Gerichtete Beziehung (z.B. Handlungen): bedeutungstragende Reihenfolge (i.S. von SS 323 RSWK)
      Frau / Diskriminierung / Mann
      (Diskriminierung von Frauen durch Männer)
      Mann / Diskriminierung / Frau
      (Diskriminierung von Männern durch Frauen)
Wie die Beispiele illustrieren, erlaubt es die Ketten-Funktion "Syntax" allein mit Hilfe der Stellung eines SW in einer Kette semantische Informationen - zusätzlich zu den Einzel-SWW - zu übertragen.

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1.5 Zusammenfassung

SW-Ketten erfüllen prinzipiell in der konventionellen, nicht maschinengestützten Inhaltserschließung vier wichtige Funktionen:
  1. Determination: Präkoordination statt Präkombination
  2. Vokabularbegrenzung: Kein Aufblähen des Suchvokabulars
  3. Filter: Präzisierung der Suche, Reduzierung der Treffermenge
  4. Syntax: Erhalt und Nutzung von Kontextinformationen

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2 Übertragbarkeit von Ketten-Funktionen

Lassen sich die klassischen Ketten-Funktionen auf Online-Kataloge übertragen bzw. durch online-typische Funktionen ersetzen?

2.1 Freitextretrieval

Für die Übertragung bzw. die Wahrnehmung von Ketten-Funktionen in Online-Katalogen ist die Standard-Retrievalmethode dieses Katalogtyps, die Freitextsuche, nicht geeignet. Die in modernen Katalogen eingesetzten maschinellen Indexierungsverfahren extrahieren weitgehend unverändert Wörter aus dem vorliegenden Text und vermehren damit zwangsläufig das Suchvokabular unkontrolliert, statt es zu begrenzen.

Beispiele (aus: BIBLIO-DATA-Basic-Index):

1 Stahlbetondruckstaebe
1 Stahlbetondruckstaeben
1 Stahbetondurchlauftraegern
1 Stahlbetondurchlauftraegers
1 Stahlbetoneinfeldtraeger
1 Stahlbetonelement
4 Stahlbetonelemente
1 Stahlbetonfaltwerken
1 Stahlbetonfertigstuetzen
30 Stahlbetonfertigteil
2 Stahlbetonfertigteilbau
2 Stahlbetonfertigteile
7 Stahlbetonfertigteilen
3 Stahlbetonfertigteilstuetzen
1 Stahlbetonfertigteilverbindungen
3 Stahlbetonflaechentragwerke

Ähnlich der gleichordnenden Indexierung berücksichtigen einfache maschinelle Verfahren auch keine Zusammenhänge und Beziehungen zwischen den SWW.

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2.2 Postkoordination

Die Postkoordination, d.h. die logische Verknüpfung von Suchbegriffen während des Retrievals, kommt der gestellten Aufgabe wesentlich näher. Mit Hilfe der Booleschen Operatoren kann der Benutzer ähnlich komplexe Suchbegriff-Kombinationen bilden, wie der Indexierer SW-Ketten bei der Erschließung bildet. Trotz eines - im Idealzustand - beschränkten, von präkombinierten Bezeichnungen freien Suchvokabulars kann der Benutzer sehr spezielle oder sehr komplexe Begriffe und Gegenstände mit vorhandenen SWW bedeutungsgleich umschreiben. Dadurch können hohe Treffermengen, die bei der Verwendung von "weiten" Einzel-SWW entstehen, ebenso reduziert werden, wie dies bei der Suche mit "engsten", zusammengesetzten SWW möglich ist.

Beispiel:

Präkombination (engstes SW): Echtzeitfarbbildverarbeitung
Präkoordination (SW-Kette) Farbbild / Bildverarbeitung / Echtzeitverarbeitung
Postkoordination (AND-Operator) Farbbild AND Bildverarbeitung AND Echtzeitverarbeitung

Mit dem postkoordinierten Retrieval lassen sich - zumindest theoretisch - die wortschatzbegrenzende und die filternde, präzisierende Funktion von Ketten in den Online-Katalog übertragen. Eine ähnliche Überführung der vierten wesentlichen Funktion, der kontexterhaltenden bzw. syntaktischen Funktion, in den Online-Katalog ist mittels der einfachen Postkoordination (AND-Operator) nicht möglich. Dazu bedarf es eines weiteren online-typischen Hilfsmittels: Kontext-Operatoren.

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2.3 Kontext-Operatoren

Die Möglichkeit, die semantische Information, die sich aus dem Kontext, aus der Stellung eines Wortes in der Nachbarschaft anderer Wörter ergibt, bei der Indexierung zu erhalten bzw. beim Retrieval zu nutzen, hängt wesentlich von den syntaktischen Mitteln einer Dokumentationssprache ab. Die syntaktischen Hilfsmittel, die in den heute üblichen OPACs (Online-Benutzerkatalog) geboten werden, beschränken sich zumeist auf den logischen Operator AND. Dieser erlaubt es z.B. nicht, bei der Recherche zwischen SW-Paaren, die sich durch unterschiedliche syntagmatische Beziehungen oder unterschiedliche Zusammengehörigkeit unterscheiden, zu differenzieren.

Mit dem Operator AND ist es z.B. nicht möglich, gezielt zu suchen nach den

  • SWW Mann und Frau in einer oder in zwei SW-Ketten
    Mann / Identitätsfindung / Mutterbindung (1. Kette)
    Frau / Identitätsfindung / Vaterbindung (2. Kette)
    oder: Mann / Frau
  • SWW Mann oder Frau in unterschiedlichen SW-Paaren
    Mann / Ehebruch / Frau / Rache
    oder: Frau / Ehebruch / Mann / Rache
  • SWW Mann und Frau in einer bestimmten Reihenfolge
    Frau / Diskriminierung / Mann
    oder: Mann / Diskriminierung / Frau
Diese Fälle zu unterscheiden ist nicht die fixe Idee unbelehrbarer praxis- und online-ferner RSWK-Anhänger, sondern - daran sei hier erinnert - ist Praxis in den Retrievalsystemen der großen, professionell, teilweise sogar kommerziell arbeitenden Datenbankanbieter. Retrievalsprachen wie STAIRS, GRIPS/DIRS 3 und MESSENGER (um nur einige Beispiele zu nennen) kennen bereits seit mehreren Jahrzehnten die sog. Kontext- oder Proximity-Operatoren.

Diese erlauben es bekanntlich in Verschärfung des AND-Operators, Wörter in einer bestimmten Stellung zueinander zu suchen.

Beispiel:

1. Frau (im gleichen Satz) Mann Mann / Frau
2. Frau (in angegebener Reihenfolge) Mann Frau / Diskriminierung / Mann
3. Mann (nebeneinander) Ehebruch Mann / Ehebruch / Frau / Rache

Retrievalsystemen mit diesen Operatoren ist es daher möglich, einen bestimmten Kontext, eine syntaktische Beziehung oder einen engen inhaltlichen Zusammenhang zwischen zwei SWW zunächst festzuhalten und dann zur Präzisierung der Suche zu nutzen.

Sowohl Kontext-Operatoren im Online-Katalog als auch RSWK-Ketten im konventionellen Katalog beruhen auf der bzw. nutzen die Tatsache, daß in der natürlichen Sprache nicht nur das Wort allein Träger von Informationen ist, sondern daß auch durch die Stellung eines Wortes in einem Satz zusätzliche semantische Informationen übermittelt werden können. Kontext-Operatoren können daher von ihrer den SW-Ketten vergleichbaren Wirkung her die vierte wesentliche Funktion von Ketten, die Syntax-Funktion, im Online-Katalog übernehmen.

Insgesamt erscheint es mit Hilfe von Postkoordination, logischen und Kontext-Operatoren möglich, alle wesentlichen Ketten-Funktionen durch online-typische Funktionen und Mittel zu ersetzen und auf die SW-Ketten im OPAC völlig zu verzichten.

Dieser Schein trügt, denn abgesehen davon, daß die vorwiegend für den Laien gemachten Benutzeroberflächen von OPACs im allgemeinen keine Kontext-Operatoren bieten, bedeutet die Verlagerung der Ketten-Funktionen auf online-typische Retrievalfunktionen auch die Verlagerung des gesamten intellektuellen Aufwands, der zur Bildung und zur Nutzung von SW-Ketten erforderlich ist, auf den Benutzer. Erschwerend kommt hinzu, daß eben dieser Benutzer - im Gegensatz zum Indexierer - mangels Kenntnis der konkreten Dokumentinhalte auch die dokumentspezifischen Beziehungen zwischen den möglichen Suchbegriffen nicht kennen und damit mittels Kontext-Operatoren auch nicht zur Präzisierung der Suche verwenden kann.

Die Kontext-Operatoren der dokumentarischen Retrievalsysteme stellen zwar ein gewichtiges Indiz für den Einsatz von syntaktischen Hilfsmitteln auch und gerade in Online-Katalogen dar, sie sind aber nicht das geeignete Mittel, dem sporadisch eine Bibliothek aufsuchenden Benutzer, der weder sein Suchziel in bestpassende SWW umsetzen kann noch über die syntaktischen Mittel und Möglichkeiten einer Dokumentationssprache zur Satzbildung (Verknüpfung von SWW bei Indexierung bzw. Suche) Bescheid weiß, eine einfache Suchhilfe zu bieten. Eine solche benutzergerechte Retrievalhilfe anzubieten, ohne auf den Einsatz syntaktischer Mittel zu verzichten, dafür eignet sich eine weitere typische, bisher aber noch zu wenig benutzte Funktion von Online-Katalogen: das Aufblättern von und die Auswahl aus Index-Listen.

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2.4 Index-Listen

Damit die Listen der ihnen gestellten Aufgabe, die Nutzbarmachung von Syntax auch im OPAC, gerecht werden, müssen sie einige wesentliche Voraussetzungen erfüllen:

  1. Keine Stichwortlisten
    Listen aus reinen Stichwörtern bzw. verstichworteten SW-Ketten sind wenig nützlich: sie besitzen außer dem Hinweis auf Komposita des Suchbegriffs kaum einen zusätzlichen Informationswert, und relevante Dokumente können meistens nur nach Durchblättern von großen Titelmengen gefunden werden (hier am Beispiel "Porzellan" demonstriert).

    Beispiel (aus: DNB-CD-ROM 1986 - 1992):

    Stichwort
    Porz 179
    Porzberg 1
    Porzel 1
    Porzellain 1
    Porzellainmanufaktur 1
    Porzellainstuecke 1
    Porzellan 200
    Porzellanaehnl 4
    Porzellanaehnlichen 1
    Porzellanarbeiter 1
    Porzellandesign 1

  2. Keine beliebige Aneinanderreihung von SWW
    Die mechanische Zusammenfassung aller SWW, die für ein Dokument vergeben wurden, zu einer formalen SW-Folge in alphabetischer oder gar zufälliger Reihenfolge erfüllt zwar die vorstehende Bedingung, ist aber auch noch wenig informativ und hilfreich: dokumentspezifische Zusammenhänge zwischen den SWW können nicht dargestellt, SWW, die einen Gegenstand oder ein Thema beschreiben, nicht von denen eines weiteren Gegenstands getrennt werden. Die Grenzen zwischen mehreren Gegenständen gehen verloren, mit der Folge, daß die Zahl der irrelevanten Treffer bei der Suche zunimmt. Dokumentspezifische Beziehungen zwischen den SWW werden, obwohl dem Indexierer aufgrund der Inhaltsanalyse bekannt, für die SW-Gebung nicht genutzt und stehen damit auch zur Präzisierung, als Filter, bei der Suche nicht zur Verfügung

    Beispiel: SWW: Deutschland / Geschichte 1700-1945 / Geschichte 1900-1945 /
    Meissener Porzellan / Regiment / Regimentsteller
    Diese (formale) Wortfolge ist mehrdeutig. Ohne Kenntnis des Sachtitels kann diese "Kette" nicht disambiguiert werden.

    Titel: Wer treu gedient hat ...: d. Regiments- u. Erinnerungsteller d. Meissener
    Porzellanmanufaktur 1900-1945; e. kunsthistorische Studie; zugl. e. Beitr.
    zur Formationsgeschichte d. Alten Armee, d. Reichswehr u.d. Wehrmacht

  3. Sinnvolle Anordnung der SWW
    Zwischen SWW, die einen Gegenstand beschreiben, bestehen unterschiedlich enge Zusammenhänge, Beziehungen und Abhängigkeiten. Faßt man die SWW (für ein Dokument) diesen Zusammenhängen entsprechend zu einer bzw. mehreren SW-Ketten zusammen und ordnet zusätzlich die SWW diesen Beziehungen und Abhängigkeiten gemäß an, so kann der Informationsgehalt einer Kette merklich gesteigert bzw. die Mehrdeutigkeit von ungerichteten Wortfolgen deutlich reduziert werden.

    Beispiel:

    1. Kette: Meissener Porzellan / Regimentsteller / Geschichte 1900-1945
    2. Kette: Deutschland / Regiment / Geschichte 1700-1945

    Einige einfache Regeln für die sinnvolle und zumeist auch informationstragende Anordnung von SWW innerhalb einer Kette (Syntax-Regeln) bieten die RSWK:

    1. Satzbildung
      Inhaltlich zusammengehörende SWW: eine Kette
    2. Kategorienreihenfolge
      Unterschiedliche SW-Kategorien: formale Anordnung nach
      dem Schema p/g/s/z/f
    3. Gruppierung
      Eng zusammengehörende SWW: benachbarte Anordnung
    4. Bedeutungstragende Reihenfolge
      Beziehungen zwischen SWW: Anordnung nach SS 323 RSWK [3].

  4. Verwendung syntaktischer Verknüpfungszeichen
    Eine weitere Steigerung des Informationswertes, der Eindeutigkeit und der Wiedergabetreue von SW-Ketten ließe sich erreichen, wenn die dokumentspezifischen Beziehungen zwischen den verwendeten SWW nicht nur implizit durch die Stellung eines Wortes in einer Kette, sondern auch explizit durch zusätzliche Hilfsmittel zum Ausdruck gebracht werden könnten. Die optimale Lösung dieser Forderung, nämlich natürlichsprachliche Funktionswörter wie z.B. ... verglichen mit ..., ...Einfluß auf ..., ... als Mittel ..., ...gegen ..., steht nach RSWK nicht zur Verfügung. Ersatzweise könnten für diese Aufgabe, ohne ein neues Regelwerk zu entwickeln oder eine neue Indexierungsmethode einzuführen, die von Der Deutschen Bibliothek (DDB) bisher nur intern zur maschinellen Verarbeitung der SW-Ketten benutzten Operatoren[4] herangezogen werden.

    DDB benutzt bereits seit Beginn der Erschließung nach RSWK, also seit 1986, im Hauptteil des Wöchentlichen Verzeichnisses (WV) drei Trenn- bzw. Verknüpfungszeichen statt des einen, mehrdeutigen Schrägstriches ( / ) von RSWK:

    ¤ Satzendezeichen (Trennzeichen)
    / Verknüpfungszeichen (SWW in Ansetzungsketten)
    ; Verknüpfungszeichen (SWW in Verknüpfungsketten)

    Beispiel: 1065
    Wolff, Arnold: Der Dom zu Köln : seine
    Geschichte - seine Kunstwerke / Arnold
    Wolff. - Köln : Greven, 1995. - 52 S. : zahlr.
    Ill., graph. Darst. ; 23 cm Engl. Ausg.
    u.d.T.: Wolff, Arnold: Cologne cathedral
    ISBN.3-7743-0284-7 geh. : DM 6.80
    DBN 94.428149.4
    NE: HST
    SW: Köln / Dom ; Führer Köln / Dom ; Geschichte
    Engt man die Funktion des Semikolons (i.w.S. des WV) nochmals durch die Einführung zweier weiterer syntaktischer Zeichen ein, so erhält man die vier DDB-Ketten-Operatoren, die von ihrer Festlegung her auch die Funktion von Verknüpfungszeichen übernehmen können:

    / verknüpft die Glieder (SWW) einer Ansetzungskette
    + verknüpft zwei eng zusammengehörende SWW (Paarbildung)
    ( ) verknüpft mehrere eng zusammengehörende SWW (Gruppenbildung, DDB-intern: #)
    ; verknüpft sonstige zusammengehörende SWW

    Wie die folgende Gegenüberstellung zeigt, können Eindeutigkeit, Ausdruckskraft und Informationsgehalt von SW-Ketten allein durch die sinnvolle Anordnung der Einzel-SWW und insbesondere durch die Verwendung der vorstehend beschriebenen vier einfachen Verknüpfungszeichen merklich gesteigert werden ("sichtbare Syntax"):

    1. Keine Anordnung - keine syntaktischen Zeichen: mehrdeutige SW-Folge
      Frau / Mann / Rache / Ehebruch Rohrverbindung / Automation / Hartlöten / Kupferrohr
      Amorpher Zustand / Diffusion / Nickellegierung / Wasser-
      stoff / Zirkoniumlegierung
    2. Paar- bzw. Gruppenbildung - syntaktische Zeichen: eindeutige SW-Kette
      Mann + Ehebruch ; Frau + Rache
      Kupferrohr + Rohrverbindung ; Hartlöten + Automation
      (Nickellegierung + Zirkoniumlegierung ; Amorpher
      Zustand) Wasserstoff + Diffusion
    Die vier genannten Sonderzeichen [ ; + ( ) / ], ursprünglich nur als Steuerzeichen für die DDB-interne automatische Permutation von Kettengliedern konzipiert, könnten in ihrer erweiterten Funktion als syntaktische Hilfsmittel den gravierendsten Mangel der RSWK-Syntax, ihre "Unsichtbarkeit", zumindest teilweise beheben. Nicht nur aus der Sicht der Ketten-Kritiker steht der intellektuelle Aufwand, der für die Kettenbildung nach RSWK zu treiben ist, in keinem angemessenen Verhältnis zum Gewinn. Der Benutzer, für den letztendlich die SW-Ketten gebildet werden, kennt im Normalfall weder die Regeln, nach denen die Stellung von SWW (innerhalb einer Kette) als Träger zusätzlicher Informationen zu interpretieren sind, noch werden ihm irgendwelche lesbaren sprachlichen oder symbolischen Hilfen angeboten, die die syntaktischen Beziehungen zwischen den SWW offen repräsentieren.

    Da das reine Sprachgefühl, die Vertrautheit mit der Syntax der natürlichen (deutschen) Sprache, nicht ausreicht, alle in RSWK-Ketten verschlüsselten Informationen als solche zu erkennen und zu verstehen, wären die DDB-Operatoren ein geeignetes, weil einfaches Mittel, diese Aufgabe zu übernehmen, denn sie haben die Vorteile

    • Zusammenhänge zwischen SWW an der Oberfläche auch dem Laien sichtbar zu machen - zumindest sichtbarer, als dies mit dem mehrdeutigen RWSK-Trennzeichen ( / ) möglich ist,
    • völlig RWSK-konform zu sein, da sie nur die dem Indexierer bekannten RSWK-Regeln zur Bildung von SW-Grundketten und Mehrfacheintragungen (Permutationen) in einer symbolischen Schreibweise verdichten,
    • die in der Grundkette dargestellten Beziehungen auch in den Mehrfacheintragungen sichtbar zu erhalten,
      (Nickellegierung + Zirkoniumlegierung ; Amorpher Zustand) Wasserstoff + Diffusion
      (Zirkoniumlegierung + Nickellegierung ; Amorpher Zustand) Wasserstoff + Diffusion
      (Amorpher Zustand ; Nickellegierung + Zirkoniumlegierung) Wasserstoff + Diffusion
      Wasserstoff + Diffusion (Nickellegierung + Zirkoniumlegierung ; Amorpher Zustand)
      Diffusion + Wasserstoff (Nickellegierung + Zirkoniumlegierung ; Amorpher Zustand)
    • in allen DNB-Titeldatensätzen (mit Sacherschließungsdaten) im Intern- und MAB-Format codiert enthalten zu sein,

      Feld 902 (Fester Vorspann)
      Stelle 1 = Operator
      ~ = ohne Operator
      1 = gleichberechtigtes Glied (;)
      2 = abhängiges Glied (+)
      3 = 2.-6. Glied einer Ansetzungskette (/)
      4 = Teilkette (#)
    • ohne (grundsätzlichen) technischen oder intellektuellen Aufwand von den Nutzern des Magnetbanddienstes DNB in den eigenen Katalogen sichtbar dargestellt werden zu können.

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2.5 Zusammenfassung

Die unter 1.1 - 1.4 aufgeführten und als nützlich erkannten Funktionen von SW-Ketten lassen sich in Online-Kataloge übertragen, und zwar optimal, d.h. benutzerfreundlich, durch das Angebot von Index-Listen aus SW-Ketten mit sichtbarer Syntax. Mit Hilfe dieser Maßnahmen, die die Zusammengehörigkeit von bzw. die Beziehungen zwischen SWW bei der Indexierung berücksichtigen und diese auch dem unkundigen Benutzer erkennbar machen, wird speziell die unter 1.4 als Syntax-Funktion bezeichnete Aufgabe von SW-Ketten so weit aufgewertet, daß der syntaktischen Indexierung auch im Online-Katalog eine eigenständige Bedeutung zukommen kann.

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3 SW-Ketten im OPAC

Welche Funktionen können SW-Ketten im Online-Katalog erfüllen?

3.1 Browsing

So wie der direkte Zugriff auf jedes Stichwort oder SW (Freitextsuche im Basic Index) die Known-item-Suche, d.i. die Suche mit bzw. nach bekannten Suchbegriffen, unterstützt, so hilft das Blättern im Index der SW-Ketten aufgrund der zusätzlichen Informationen, die sich aus dem Kettenumfeld bzw. innerhalb der Kette aus dem Kontext ergeben, dem Benutzer, der nur vage Vorstellungen von seinem Interessengebiet hat und daher die möglichen Suchbegriffe (noch) nicht kennt. Das Kettenbrowsing hilft dem Benutzer, der erst im Prozeß des erkundenden Suchens lernt, genau zu präzisieren, was er eigentlich finden will. Die Indexlisten aus SW-Ketten unterstützen durch die Möglichkeit zum orientierenden Blättern die thematische Suche, denn im Gegensatz zum direkten Zugriff auf isolierte Einzelwörter (Stichwörter bzw. verstichwortete SWW) erhält der Suchende über den vor der Titelanzeige aufgeblätterten SW-Ketten-Index Hinweise auf thematische Zusammenhänge, in denen ein Suchbegriff steht. Der Benutzer kann so durch (passives) Überfliegen und Auswählen der relevanten Ketten die Suche präzisieren bzw. die Treffermenge reduzieren, ohne selbst weitere Suchbegriffe expressis verbis kennen oder ermitteln und eingeben zu müssen.

Die SW-Ketten stehen daher in einer Reihe mit anderen effektiven Sacherschließungsmethoden und -mitteln wie z.B. Thesauri, Normdateien und Klassifikationssystemen, die ebenfalls dem Benutzer, der zwar sein Thema, aber nicht das bestpassende SW bzw. die geeignete Suchstrategie kennt, Hilfestellung durch Einbeziehung des sprachlichen Umfeldes leisten. Im Falle von Klassifikationen ist dies das systematische, im Falle von Thesauri (z.B. SWD) das semantische Umfeld.

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3.2 Postkoordination

Die Suche komplexer Begriffe bzw. Gegenstände durch logische Verknüpfung von weniger komplexen, "weiten" SWW erfordert ein dieser Methode angepaßtes Vokabular. SWW wie z.B.

Hochspannungsfreileitungsisolator
Hochspannungsisolator
Hochspannungsisolierung
Freileitungsisolator
Isolatorbauteil
Hochspannungsbauelement
Hochspannungsfreileitung
Hochspannungsleitung
Asymetrische Hochspannungsleitung
Elektrische Leitung
Hochspannung
Freileitung
Freileitungsnetz
Starkstromfreileitung
Aluminiumfreileitung

die in der Aufbauphase von RSWK/SWD häufig benutzt wurden, sind überwiegend bereits auf der Bezeichnungsebene so weit zusammengesetzt (präkombiniert), daß die zur Koordination erforderlichen sprachlichen Elemente nicht mehr zur freien Verfügung stehen, da sie in festen Präkombinationen dem Zugriff entzogen sind; umgekehrt gilt auch, daß die präkombinierten SWW sich der postkoordinierenden Suche mit den im obigen SWD-Auszug ebenfalls enthaltenen "weiten" SWW entziehen.

Erst mit der bevorzugten Verwendung von weniger komplexen, nicht hochgradig präkombinierten Bezeichnungen[5] und deren Verknüpfung zu SW-Ketten bei der Indexierung (Präkoordination) stehen für die postkoordinierende Recherche im Online-Katalog adäquate SWW zur Verfügung und - das ist ein wichtiger Gewinn - bleibt die Menge der möglichen Suchbegriffe, das Suchvokabular, auch nach Jahren noch begrenzt und damit überschaubar, voraussehbar und handhabbar[6] (von der Problematik des Wachstums von Eigennamen in der SWD sei hier abgesehen).

Dem Vorteil eines begrenzten, weil nicht unbeschränkt präkombinierten Vokabulars, der Vorausschaubarkeit, steht bekanntlich der Nachteil des Verlustes an Eindeutigkeit und Wiedergabetreue bei der Umschreibung (Paraphrasierung) von Begriffen durch weniger spezifische ("weite") SWW entgegen: Die Repräsentation eines komplexen Begriffs oder Gegenstands durch eine präkombinierte Bezeichnung ist spezifischer und wiedergabetreuer als die durch Prä- bzw. Postkoordination mit weniger komplexen Beschreibungen.

Beispiel:

Inhalt: Wasserstoffdiffusion in amorphen NiZr- und NiTi-Legierungen
Spezifische SWW - eindeutige, deckungsgleiche Kette Amorphe Nickel-Zirkonium-Legierung / Amorphe Nickel-Titan-Legierung / Wasserstoffdiffusion
Unspezifische SWW - mehrdeutige, nicht deckungsgleiche Kette Amorpher Zustand/Diffusion/Nickellegierung/Titanlegierung/Wasserstoff/Zirkoniumlegierung
Unspezifische SWW - zwei eindeutige, deckungsgleiche Ketten (Nickellegierung + Zirkoniumlegierung ; Amorpher Zustand) Wasserstoff + Diffusion
(Nickellegierung + Titanlegierung ; Amorpher Zustand) Wasserstoff + Diffusion

Wie die dritte Indexierungsvariante zeigt, kann der Einsatz syntaktischer Mittel in fast idealer Weise den Gegensatz zwischen Wiedergabetreue und Voraussehbarkeit überbrücken und die Vorteile beider Methoden vereinen. Das Ergebnis ist eine hinreichend wiedergabetreue Darstellung von komplexen Begriffen und Gegenständen mit Hilfe voraussehbarer, das Vokabular nicht aufblähender einfacher SWW. Eindeutigkeit und Wiedergabetreue, die dabei durch die Zerlegung komplexer, präkoordinierter Bezeichnungen verlorengehen, werden durch die Kettenbildung, durch die Verwendung syntaktischer Hilfsmittel bis auf einen möglichen, nach SS 13,2 RSWK tolerierten Informationsverlust wiederhergestellt - ohne Aufblähung des Suchvokabulars.

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3.3 Zusammenfassung

Mit der Übernahme von SW-Ketten in den Online-Katalog wird das Instrumentarium dieses Katalogtyps um eine wirksame Suchhilfe speziell für den thematisch suchenden Benutzer erweitert.

Dem Indexierer andererseits steht mit der Kettenbildung ein Mittel zur Verfügung, das - trotz seiner konventionellen Herkunft - besonders geeignet ist, die dem Online-Retrievalsystem zugrundeliegende Dokumentationssprache an die Erfordernisse des postkoordinierenden Suchens anzupassen.

Die Anpassung des Vokabulars an die Postkoordination kommt aber nicht nur dieser Suchmethode zugute, sondern auch dem Indexierungsvokabular und der Indexierungsqualität selbst. Die Vermeidung mehrfach zusammengesetzter Bezeichnungen, speziell durch Zerlegung ("Kompositazerlegung"), erhöht die Voraussehbarkeit der möglichen Suchbegriffe durch den Benutzer, d.h. die vom Indexierer verwendeten SWW können schneller und vollständiger - nachvollziehbar - aufgefunden werden.

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4 SW-Ketten - Sinn oder Unsinn?

Die Übernahme von SW-Ketten in den Online-Katalog sollte nicht als "letzter Versuch" (ab)gewertet werden, eine vom konventionellen Sachkatalog geprägte Indexierungsmethode unter Online-Bedingungen fortzuführen bzw. den vertrauten Zettel- oder Listenkatalog wenigstens noch am Bildschirm zu simulieren. SW-Ketten im Online-Katalog sind kein Relikt der konventionellen, von RSWK und Zettelkatalogen geprägten Sacherschließung: sie erfüllen - wie oben ausführlich dargestellt - auch und gerade im Online-Katalog wichtige, originäre Funktionen.

Die Kettenbildung unter Einsatz einfacher syntaktischer Mittel (Wortstellung, syntaktische Verknüpfungszeichen) erlaubt annähernd - bis auf eine nach SS 13.2 RSWK zulässige Unschärfe - die spezifische, wiedergabetreue und koextensive Erschließung von Dokumenten ohne - und das ist entscheidend - vorrangig stark zusammengesetzte Wörter aus dem vorhandenen Vokabular (SWD) zu verwenden oder neue in das Suchvokabular einzubringen. Damit ist die Kettenbildung das geeignete Mittel, ein unter den Bedingungen von konventionellen Katalogen bzw. nach der Extraktionsmethode entstandenes Vokabular (z.B. die SWD der Anfangszeit) an die Möglichkeiten der für Online-Kataloge charakteristischen postkoordinierenden Recherche anzupassen.

Dieser Anpassung des Suchvokabulars an die Postkoordination kann und sollte auf der Indexierungsseite die Abkehr von der den RSWK immer wieder vorgeworfenen textnahen Indexierung (häufige Verwendung von Titelstichwörtern) entsprechen. Entlastet durch die automatische Extraktionsindexierung (Freitextsuche aus der Sicht des Rechercheurs) und unterstützt durch die Möglichkeiten der syntaktischen Indexierung (SW-Ketten im OPAC) kann und sollte die intellektuelle Indexierung sich vorwiegend auf die ihr ureigene Aufgabe konzentrieren: die begriffsorientierte, umschreibende, Titelformulierungen ergänzende, zusätzliche Indexierung (Zuteilungsindexierung).

Aber nicht nur die intellektuelle Indexierung und das Suchvokabular profitieren von der SW-Ketten-Bildung allgemein und im Online-Katalog speziell, sondern auch die Such- und Zugriffsmöglichkeiten eines Online-Retrievalsystems erfahren durch SW-Ketten eine nützliche Erweiterung.

Das Blättern (Browsing) im Index der SW-Ketten stellt einen eigenständigen Suchvorgang dar, der die typischen Recherchestrategien des Online-Katalogs, Freitextsuche und Postkoordination, sinnvoll ergänzt und dabei sogar die Schwächen dieser Methoden eliminiert und die Stärken beider in sich vereint.

Beim Kettenbrowsing wird der Benutzer weder mit leeren oder zu hohen, undifferenzierten Treffermengen (wie bei der direkten Suche mit beliebigen Stichwörtern) konfrontiert, noch ist er gezwungen - hinreichende Benutzerführung vorausgesetzt - sich spezielle Erschließungs- und Retrievalsystemkenntnisse anzuzeigen, um unter Verwendung vorher ermittelter, zulässiger Suchbegriffe präzise Suchstrategien zu formulieren. Das Kettenbrowsing ist - wie die Freitextsuche - eine schnell, ohne besondere Kenntnisse und daher auch vom gelegentlichen und daher ungeübten Bibliotheksbenutzer anzuwendende Suchmethode. Sie führt über die einfach auszuwählenden SW-Ketten zu Suchergebnissen, die vergleichbar sind den von Systemkennern formulierten komplizierten Suchanfragen.

Fazit: SW-Ketten, speziell in der Form von Kettenlisten, stellen eine sinnvolle Erweiterung des OPAC-Instrumentariums dar.

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Fussnoten

[1] Bezüglich der Begründung der Vorteile, ja sogar der Notwendigkeit eines begrenzten, normierten und damit voraussehbaren Vokabulars sei hier auf die zahlreichen überzeugenden Arbeiten von R. Fugmann verwiesen, speziell auf das Buch "Theoretische Grundlagen der Indexierungspraxis" (Frankfurt: Indeks-Verl., 1992).

[2]Mehrere SW-Ketten sind nach RSWK (SS 322.1) zu bilden, wenn zwischen mehreren SWW (hier: Mann und Frau) im vorliegenden Dokument kein unmittelbarer inhaltlicher Zusammenhang besteht. Dieses ist z.B. dann der Fall, wenn mehrere unterschiedliche Gegenstände, mehrere unterschiedliche Aspekte eines Themas, mehrere komplexe Sach- oder Individualbegriffe separat voneinander abgehandelt werden.

[3] Wegen der mangelnden Akzeptanz (teilweise sogar Ablehnung) des SS 323 werden Vorschläge diskutiert, die Anordnung der SWW in einer Kette dem Indexierer zu überlassen, und zwar gemäß folgender Richtlinie: Reihenfolge nicht vorgeschrieben - aber sinnvoll.

[4] Eine ausführliche Darstellung der Operatoren findet man in: H.U. Weidemüller: RSWK-Anwendung in der Deutschen Bibliothek. In: Bibliotheksdienst 20 (1986) 10, S. 941-945.

[5] Hier ist bewußt von komplexen Bezeichnungen im Sinne von komplex strukturierter Bezeichnung die Rede - nicht von komplexen Begriffen. Letztere sind zwar sehr spezifisch und merkmalsreich, werden aber keineswegs immer durch komplexe Bezeichnungen (= zusammengesetzte Wörter) repräsentiert

[6] Diese und die folgenden Aussagen werden in dem Buch von R. Fugmann (Anm. 1) ausführlich erläutert und begründet.

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Redaktion: Heinz-Peter Berg       Stand: 24.11.2008, 09:32
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