Ein OPAC mit Gewichtungsalgorithmen: Der PICA Micro OPC [1]
Rob Koopman
- Vorbemerkung
- Gestaltungsprinzipien
- Die Benutzerschnittstelle
- Ein übersichtlicher Bildschirm
- Keine unverlangte Hilfe
- Einfache Suchfunktion
- Verborgene Optionen für Fortgeschrittene, um Verwirrung zu vermeiden
- Keine Beschränkungen
- Volltextindex
- Suchmöglichkeiten
- Datenbank und Indexstruktur
Vorbemerkung
Der folgende Beitrag stellt die Benutzeroberfläche und die Zugriffsmöglichkeiten des sog. PICA Micro OPC vor. Der Micro OPC verfügt über eine Reihe von interessanten Eigenschaften, die bisher von anderen OPAC-Systemen nicht angeboten werden.
Der Micro OPC wurde im Hinblick auf die Anforderungen von kleineren Bibliotheken und deren Benutzer konzipiert, denen so der Betrieb eines einfachen und kostengünstigen OPACs ermöglicht werden soll. Ein typisches Micro-OPC-System verwaltet einen Bestand von 5000 bis 50000 Titeln auf Einzelplatz-PC bzw. in kleineren Netzen bis zu 20 PCs. Eine zweite Zielgruppe sind Studenten und Bibliotheksangehörige, die das System für ihre persönliche Informationsverwaltung nutzen. So können beispielsweise Studenten an der Universität Leiden Literaturlisten auf Diskette im Micro-OPC-Format bekommen. Für den Einsatz des Micro OPC als reinen Online-Benutzerkatalog ist eine Version mit nur lesendem Zugriff erhältlich. Das Produkt ist inzwischen in den Niederlanden über 70mal im Einsatz.
Abgesehen von seiner Existenz als Produkt ist der Micro OPC gleichzeitig eine Spielwiese für neue Ideen und Konzepte. Durch die geringe Größe des Systems lassen sich relativ einfach neue Eigenschaften implementieren. Änderungen in großen Systemen bedürfen dagegen einer frühzeitigen Planung und sind wesentlich teurer in der Durchführung. Schon die Aktualisierung der Dokumentation kann sich als zu aufwendig herausstellen. In Zukunft werden einige der bewährten Micro OPC-Eigenschaften in anderen PICA-Anwendungen eingesetzt werden.
Gestaltungsprinzipien
Bei der Planung des Micro OPC wurden die folgenden drei grundlegenden Prinzipien in den Vordergrund gestellt:
- eine benutzerfreundliche Oberfläche,
- leichte Bedienbarkeit auch für unerfahrene Benutzer,
- hohe Leistungsfähigkeit für versierte Benutzer.
Dabei gibt es nur scheinbar einen Widerspruch zwischen dem letzten Punkt und den ersten beiden, denn auch erfahrene Anwender arbeiten größtenteils mit den einfachen Funktionen des Systems. Mag sein, daß der Micro OPC durch die beschriebenen Leitlinien für den erfahrenen Anwender einige Dinge etwas umständlich gestaltet, doch wird dies mehr als ausgeglichen durch die Tatsache, daß die Mehrzahl der Funktionen leicht zu bewältigen ist.
Um es salopper zu sagen: Ich wollte ein System entwickeln, das meine Mutter und mein sechs Jahre alter Sohn bedienen können, das aber auch gerne von einem Experten benutzt wird.
Die Benutzerschnittstelle
Im folgenden werden einige der Ideen beschrieben, die der Gestaltung der Micro OPC-Dialogkomponente zugrunde lagen. Sie leisten für den Micro OPC gute Dienste, sind aber natürlich nicht zu verallgemeinern.
Es ist sehr schwierig zu sagen, was eine gute Dialogkomponente auszeichnet. Eine Idee, die in der einen Anwendung gute Dienste leistet, kann in einer anderen zu Schwierigkeiten führen. Daher sollten Programme immer mit wirklichen Benutzern und echtem Datenmaterial getestet werden.
Ein übersichtlicher Bildschirm
Die meisten Programme zeigen zu viele irrelevante Informationen. Die Konsequenz daraus ist, daß der Benutzer verwirrt und aufgehalten wird, weil er zu viel Zeit benötigt, um die für ihn wichtige von der unwichtigen Information zu unterscheiden. Im Ergebnis führt dies dazu, daß wirklich wichtige Hinweise übersehen werden.
Keine unverlangte Hilfe
Ein wirklich gutes Programm braucht in der Regel keine großen Erklärungen. Umfangreiche Hilfstexte sind vielmehr häufig ein Indiz für eine schlecht gestaltete Dialogkomponente. Zudem sind sehr wortreich verfaßte Hilfen nicht bennutzerfreundlich, weil sie wirklich wichtige Informationen eher verstecken und vom Eigentlichen ablenken. Hilfetexte sollten kurz und präzise sein.
Einfache Suchfunktion
Der Umgang mit einem OPAC besteht vor allem darin, Wörter einzutippen und die erzielten Treffer anzusehen. Diese Grundfunktion sollte so einfach wie möglich gestaltet werden. Im Micro OPC kann der Benutzer jederzeit durch Drücken einer alphanumerischen Taste die Eingabe eines Suchwortes beginnen.
Verborgene Optionen für Fortgeschrittene, um Verwirrung zu vermeiden
Die meisten Benutzer sind an dem OPAC-Programm, das sie benutzen, nicht interessiert. Sie suchen Bücher. Der Micro OPC versucht, diesen Benutzern eine konsistente, vorhersagbare und einfache Oberfläche zu bieten. Dahinter steckt die Philosophie, daß es sehr wichtig ist, dem Benutzer ein Gefühl von Kontrolle zu vermitteln. Werden zu viele Optionen angeboten, wird der Benutzer sich unsicher fühlen und daran gehindert werden, das System effektiv zu nutzen. Darüber hinaus ist eine einfache Dialogkomponente wie die des Micro OPC leicht erlernbar, so daß regelmäßige Benutzer nicht ständig wieder ihre Kenntnisse auffrischen müssen.
Keine Beschränkungen
Die Meldung "Zu viele Treffer" ist für den Endbenutzer wertlos. Sie kann wahr sein, aber der Benutzer kann nicht beurteilen, was bei der Suche falsch gelaufen ist. Ein benutzerfreundliches Programm tut immer das, was von ihm verlangt wird. Wenn eine Aufgabe aufwendig ist, sieht der Benutzer das an der Zeit, die gebraucht wird, und richtet seine Suchstrategie daran aus.
Volltextindex
Für einen Benutzer ist es sehr frustrierend, bestimmte Ausdrücke in Titeln zu sehen und bei der Suche nach ihnen keine Treffer zu erhalten. Der einfachste Weg, dieses Problem zu lösen, besteht im Erstellen eines Volltextindex. Also: was man sieht, kann man auch finden. Natürlich kann dies manchmal zu mehr Treffern führen, als eigentlich erwünscht sind, aber dies läßt sich leicht in Kauf nehmen. Wenigstens kann der Benutzer sehen, was falsch gelaufen ist. Für die meisten Suchbegriffe wird es ohnehin kein Problem geben, denn es gilt die Faustregel, daß 90% aller Suchbegriffe zu drei oder weniger Treffern führen. Es ist daher nur in besonderen Fällen nötig, auf einen speziellen Index zuzugreifen.
Suchmöglichkeiten
Obwohl es nicht so aussehen mag, bietet der Micro OPC eine Vielzahl von Suchmöglichkeiten, wie die folgende Übersicht zeigt. Es fehlt jedoch die Möglichkeit komplizierter boolescher Verknüpfungen. Diese können schrittweise durch Kombination von Treffermengen verwirklicht werden.
Kontextsuche
Die Suchbegriffe sind alle vorhanden und stehen in einem Titel nahe beieinander.
Beispiel: "FINDE: Katze; Hund"Phrasensuche
Die Suchbegriffe sind alle in der vom Benutzer vorgegebenen Reihenfolge vorhanden. Naive Endnutzer benutzen diese Option ohne weitere Probleme.
Beispiel: "FINDE: Wie es euch gefällt"Boolesches Und, Nicht, Oder
Boolesche Logik wird schrittweise angewendet. Nach jeder Suche ist es möglich, die Treffermenge zu reduzieren (= UND), zu erweitern (= ODER) oder zu modifizieren (= NICHT). Dies kann durch Drücken einer Funktionstaste erreicht werden. Für fortgeschrittene Benutzer ist es möglich, die Operatoren direkt einzugeben.
Beispiel: "FINDE: Katze & Hund"; "FINDE: Katze + Hund + Kaninchen"Oft ist es gar nicht notwendig, den Operator "Und" anzuwenden. Das Browsen durch eine kurze Titelliste ist am PC ziemlich leicht und rasch durchzuführen.
Statistische Gewichtung
Eine naheliegende Erweiterung des Booleschen "UND" bzw. "ODER" ist die "Statistische Gewichtung". Der Benutzer wird aufgefordert, möglichst viele Suchbegriffe einzugeben. Die erzielte Treffermenge entspricht der durch eine "Oder"-Verknüpfung erzielten Menge, nur ist die Darstellung unterschiedlich, denn die Titel werden in der Reihenfolge ihrer Relevanz angezeigt. Grob gesagt, werden spezielle Titel zuerst angezeigt, d.h. Suchbegriffe, die selten in der Datenbank auftauchen, erhalten mehr Gewicht. Im Moment ist im Micro OPC die Treffermenge nicht beschränkt.
Beispiel: "FINDE: Katze, Hund, Kaninchen, Haustier, Tier"Statistische Gewichtung ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, in eine sachliche Suche einzusteigen. Sämtliche vorhandenen Informationen können genutzt werden, ohne Angst vor großen Treffermengen haben zu müssen. Ein Problem bei dieser Vorgehensweise besteht darin, daß sie den Rechner und die Festplatte stark beansprucht. Heutzutage verliert dies allerdings wegen der immer schnelleren PCs an Bedeutung, da der größte Teil der Arbeit an lokalen PCs gemacht werden kann.
Maskierung und Trunkierung
Der Micro OPC bietet zwei Arten von Platzhaltern. Das Zeichen "#" ersetzt ein beliebiges Zeichen, das Zeichen "?" eine beliebige Anzahl von Zeichen. Die Zeichen für die Wilcards können an jeder Stelle des Suchbegriffs gesetzt werden. Führende Wildcards werden nicht gesondert behandelt, bei großen Datenbanken führen sie zu sehr langsamer Verarbeitung.
Beispiel: "FINDE: comp?scien?"Näherungssuche
Es ist möglich, Begriffe auch mit abweichender Schreibweise zu suchen. Der Micro OPC berechnet die Abweichung von der vorgegebenen Schreibweise des Suchbegrifs von den Begriffen in der Datenbank. Alle Indexeinträge mit einer Abweichung vom Suchbegriff von nicht mehr als drei Unterschieden (Ersetzung, Löschung, Einfügung) gelten als Treffer. Die Näherungssuche ist ein sehr mächtiges Suchinstrument, denn praktisch werden dabei alle üblichen Schreibfehler abgefangen. Sie bietet darüber hinaus auch eine effektive Suchmöglichkeit für Begriffe, die in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich geschrieben werden oder ermöglicht es auf einfache Weise, Katalogisierungsfehler zu finden. Zur Zeit sucht das System nicht automatisch nach Schreibfehlern, um die Benutzung nicht zu erschweren.
Beispiel: "FINDE: ///Universität"Optionale automatische Trunkierung
Viele Suchbegriffe gibt es in konjugierten oder deklinierten Varianten. Im Micro OPC ist es möglich, diese Formen mit in die Suche einzuschließen. Hierzu wird ein einfacher Algorithmus zur automatischen Trunkierung verwendet, der die meisten Fälle abdeckt. Die Funktion zur automatischen Trunkierung ist nicht voreingestellt, um den Benutzer nicht zu verwirren.
Beispiel: "FINDE: universit~"
Datenbank und Indexstruktur
- bis zu 9 Indizes
- Volltext
- Maximale Länge der Indexeinträge: 24
- maximale Treffer pro Indexwort: keine Begrenzung
- Datensatzstruktur
- ein Datensatz besteht aus einem oder mehreren Feldern
- Maximale Datensatzlänge: 10.000 Zeichen
- Maximale Feldlänge: 10.000 Zeichen
- Maximale Anzahl von Datensätzen: keine feste Begrenzung (wahrscheinlich können bis zu 100.000 Datensätze bewältigt werden).
[1] Dieser Beitrag ist eine übersetzte und leicht veränderte Fassung von: R. Koopman: The Pica Micro OPC. In: Aufbau und Erschließung begrifflicher Datenbanken: Beiträge zur bibliothekarischen Klassifikation; eine Auswahl von Vorträgen der Jahrestagungen 1993 (Kaiserslautern) und 1994 (Oldenburg) der Gesellschaft für Klassifikation. Hrsg.: H. Havekost u. H.-J. Wätjen. Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Universität, 1995. S. 309-320.
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