Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf
 
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Katalogerweiterung durch Scanning und Automatische Dokumenterschließung:
Das DFG-Projekt KASCADE

Klaus Lepsky und Email senden

(zugleich erschienen in: ABI-Technik 18 (1998) H. 1, S. 56-60)

Seit dem 1. April 1997 wird mit Förderung der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf das Projekt KASCADE durchgeführt.[1] Gemeinsam mit der Fachrichtung Informationswissenschaft der Universität des Saarlandes sollen in dem auf eine Laufzeit von 18 Monaten angelegten Projekt neue Möglichkeiten der Inhaltserschließung und des Information Retrieval entwickelt und im bibliothekarischen Einsatz getestet werden.

Ausgangslage

Die zunehmende Verbreitung von Online-Katalogen und die dadurch deutlich verbesserte Verfügbarkeit bibliographischer Informationen stehen in immer größerem Kontrast zur Qualität der von den Bibliotheken gelieferten Titeldaten. Während moderne Informationssysteme sich zunehmend am Volltext, zumindest aber an reichhaltig erschlossenen Dokumenten orientieren, verfolgen Bibliotheken weiterhin das formal zwar präzise, unter dem Retrievalaspekt auf Endnutzerseite jedoch zu informationsarm erscheinende Konzept der konventionellen Titelaufnahme. Die daraus resultierenden Schwierigkeiten für die Literatursuche in OPACs sind seit langem bekannt (und gut dokumentiert).[2] In der Praxis werden deshalb heute Titel in Online-Katalogen gefunden, weil mit Varianten der Freitextsuche auf klassische Katalogkategorien zugegriffen wird. Belohnt wird der Benutzer für seine Mühe mit der mehr oder weniger aufschlussreichen Darstellung einer konventionellen Titelaufnahme am Bildschirm - einer Art elektronischer Katalogkarte.

Darüber hinaus begeben sich Online-Kataloge durch ihre Beschränkung auf den rein referentiellen Charakter zunehmend in eine Isolation hinsichtlich einer elektronischen Informationslandschaft, in der die Integration unterschiedlicher Informationstypen und deren Verfügbarkeit über fortschrittliche Suchmaschinen im Internet längst zum Standard geworden sind. Beides, die Titelbeschreibung und -erschließung als Basis für das Retrieval wie auch die Titelbeschreibung als Basis für die Bewertung eines Suchergebnisses, sind im Prinzip unzulängliche Mittel für die im Information-Retrieval angestrebten Zwecke. Der Einsatz fortschrittlicher Information-Retrieval-Systeme an Bibliotheken führt daher zunächst über die Veränderung und die Erweiterung der Dokumentbeschreibung.

In inzwischen drei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekten wurden an der Universitäts- und Landesbibliothek unterschiedliche Aspekte des Themas Online-Katalog untersucht und durch neue Entwicklungen vorangetrieben. Aufbauend auf den Ergebnissen des ersten Projekts zur Entwicklung eines benutzerfreundlichen Online-Publikumskatalogs ( 1987-1989) mit dem Schwerpunkt auf der Gestaltung der Benutzeroberfläche, wurde seit 1993 in den Projekten MILOS I und MILOS II ein Verfahren zur automatischen Indexierung für Bibliotheken entwickelt.[3] Die Ergebnisse von MILOS I haben inzwischen zu einem Produktpaket MILOS geführt, das die Funktionalität der automatischen Indexierung für die drei Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch für Nachnutzer verfügbar macht.[4] MILOS II erweitert MILOS um eine semantische Komponente und ermöglicht dadurch die Bereitstellung umfassender terminologischer Informationen (elektronischer Thesaurus) für das Retrieval.

Auf internationaler Ebene war die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf als Partner im EU-Projekt CANAL/LS beteiligt, mit dem die Realisierung einer automatischen Übersetzungs-Suchfunktion für OPACs (multilinguales Retrieval) angestrebt wurde.[5] Die im Rahmen von CANAL/LS entwickelten Funktionalitäten basieren z.T. auf dem MILOS-Indexierungssystem und erweitern dieses dadurch um wichtige Bereiche, wie etwa den direkten Wörterbuchzugriff während des nutzerseitigen Retrievals. Die im Rahmen von MILOS I und II sowie CANAL/LS gewonnenen Erkenntnisse und die bislang entwickelten und bereits im Routineeinsatz befindlichen Programmkomponenten leisten wichtige Vorarbeiten für die Neukonzeption und Realisierung eines umfassenden bibliothekarischen Informationssystems.

Projektziele und -inhalte

Ziel von KASCADE ist der Aufbau einer Datenbasis aus inhaltlich angereicherten und maschinell tiefer gehend erschlossenen Dokumenten. Die Welt des klassischen bibliothekarischen Online-Katalogs (OPAC) wird dabei in mehrfacher Hinsicht verlassen:

  • auf der Daten- bzw. Dokumentebene erfolgt keine Beschränkung mehr auf die Datenelemente der monographischen bibliothekarischen Titelaufnahme,
  • auf der Erschließungsebene werden die Quelldaten angereichert und automatisch verarbeitet,
  • die Erschließungsmethode selbst wird verbreitert (Gewichtungsverfahren, Dokument-Typisierung).

Grundlage für die Datenbasis von KASCADE und den entsprechenden Demonstrator ist das Fachgebiet Jura (Zeitschriften und Monographien) aus dem Datenbestand der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, das hinsichtlich Größe (ca. 30.000 Titel) und sprachlicher Zusammensetzung (großer deutschsprachiger Anteil) für die Zielsetzung besonders geeignet ist.

Für den deutschsprachigen Jura-Teilbestand wird exemplarisch ein Konzept zur weitergehenden Anreicherung mit Erschließungsdaten erarbeitet. Berücksichtigt werden je nach Verfügbarkeit bzw. Eignung Inhaltsverzeichnisse, Abstracts und Begriffe aus Sachregistern. Soweit diese nicht bereits maschinenlesbar in zeichencodierter Form vorliegen, werden sie eingescannt, durch automatische Texterkennung (OCR) umgesetzt und mit den Titelaufnahmen verknüpft. Unselbständige Literatur wird durch die Heranziehung / das Scanning von Inhaltsverzeichnissen von Sammelschriften und Zeitschriften nachgewiesen.

Ebenfalls für das exemplarisch ausgewählte Fach Jura werden neben konventionellen Volltexten auch elektronisch vorliegende Volltexte ermittelt, ggf. konvertiert und in die Datenbasis aufgenommen. Derartige Dokumente liegen entweder bereits lokal in elektronischer Form vor, wie z.B. Hochschulschriften, Reports etc., oder sind im Internet frei verfügbar. Darüber hinaus soll versucht werden, Sonderformen der elektronischen Publikation wie z.B. multimediale Lehr- und Lerneinheiten in die Datenbasis zu integrieren.

Vorgesehen ist die Bildung eines Testpools mit mehreren Teilmengen, die aus Daten mit jeweils unterschiedlichem Anreicherungsgrad bestehen. Die Differenzierung bildet eine wichtige Arbeitsvoraussetzung für die Durchführung und detaillierte Bewertung des Retrievaltests. Die Auswahl der Quelldaten (v.a. der Volltexte) und die Erarbeitung eines Konzeptes zur Anreicherung der Titeldaten erfolgen in Zusammenarbeit mit der Juristischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Primäres Projektziel von KASCADE ist die vertiefte Erschließung angereicherter Daten, weniger die Art und Weise der Anreicherung selbst. Dennoch ist die Dokumentanreicherung durch Scanning wichtiger Bestandteil des Projekts: Da die Projektarbeiten auf einem bereits vorhandenen Literaturbestand aufsetzen, erscheinen Alternativen wie Kauf der Daten oder Vergabe der Scanningarbeiten an eine Firma nicht praktikabel. Dabei bietet die projekteigene Durchführung der Scanningarbeiten die Möglichkeit, derartige Verfahren, die in Zukunft sicher vermehrt in Bibliotheken eingesetzt werden, bei der Projektevaluierung mit zu berücksichtigen.

Angesichts des zu verarbeitenden Datenvolumens sind die Abläufe von Scanning, OCR-Texterkennung und OCR-Fehlerkorrektur hinsichtlich Bearbeitungszeit und -Anforderungen zu optimieren. Vor allem die Fehlerkorrektur von OCR-Lesefehlern ist zeitlich aufwendig und kann die Realisierbarkeit von Scanningverfahren u.U. gefährden. Für KASCADE werden daher die bereits in MILOS I und II aufgebauten Wörterbücher direkt für die Korrektur der OCR-Lesefehler eingesetzt. Ermöglicht wird diese Lösung durch den Einsatz des Programmpakets newsWORKS der Firma CCS, Hamburg. NewsWORKS setzt auf der Texterkennungstechnologie von Kurzweil auf und verbindet diese mit den Korrekturprogrammen der Firma SOFTEX, Saarbrücken, deren Datenbasis auch die Grundlage von IDX / MILOS bildet. Bei Verwendung von newsWORKS zur Durchführung der Scanning- und OCR-Arbeiten ist daher die direkte Nutzung der MILOS I und II-Wörterbücher möglich.

Seit Projektbeginn wurde in einem ersten Schritt eine Testdatenbank mit ca. 300 gescannten und durch OCR und Fehlerkorrektur weiterverarbeiteten Dokumenten aufgebaut, um einerseits Erfahrungen im Hinblick auf eine spätere massenweise Verarbeitung von Dokumenten zu gewinnen und um andererseits die beteiligten Softwarekomponenten - Scanning-Software, OCR, Fehlerkorrektur, Automatische Indexierung, Datenbank - in ihrem Ablauf aufeinander abzustimmen. Die Testdatenbank bildet gleichzeitig eine erste Datenbasis für die Entwicklungsarbeiten am Erschließungssystem.

Die Datenablage und -verwaltung der Gesamtdaten (gescannte 'Rohdaten', Titelaufnahmen, Indexierungsergebnisse) erfolgt mit dem bibliothekarischen System BISMAS 2.0, nachdem mehrere Tests mit anderen Datenbanksystemen nicht den gewünschten Erfolg brachten. BISMAS kennt keine Längenbeschränkungen einzelner Kategorien (die durch die Scans teilweise sehr umfangreich sein können), erlaubt die direkte Einbindung von Grafiken (gescannte Seiten) und ermöglicht flexible Exports der Daten für die weitere Verwendung in Retrievalsystemen. Darüber hinaus ist mit BISMAS eine Datenablage im MAB-Format möglich, was die Verknüpfung von gescannten Daten und bereits im MAB-Format vorliegenden Titeldaten vereinfacht.

Die KASCADE-Erschließung

Grundlage für das Erschließungskonzept zur KASCADE-Datenbasis ist die Berücksichtigung der unterschiedlichen Dokumenttypen (bibliothekarische Titelaufnahmen, durch zusätzliche Kategorien angereicherte Titelaufnahmen und Volltexte u.a.) in ihren verschiedenen Erschließungsgraden. Die Größe der Datenbasis und die mögliche Tiefe der Erschließung bis hin zum Volltext legen den weitestgehenden Einsatz automatischer Verfahren nahe. Ziel der Erschließung ist entsprechend den Anforderungen moderner Information-Retrieval-Systeme die Schaffung vielfältiger verbaler Sucheinstiege.[6]

1. SELIX-JB: Selektive automatische Indexierung

Die Übernahme unterschiedlicher additiver Dokumentinformationen führt zu einer starken Anreicherung der Dokumente mit unkontrollierten Stichwörtern. Die Verfügbarkeit aller auf diese Weise erzeugten Stichwörter für das Retrieval ist inhaltlich nicht immer zu rechtfertigen. Ziel einer automatischen Indexierung umfangreicher textueller Daten, wie sie z.B. über das Scanning verfügbar werden, muss daher - zusätzlich - eine gewichtete Extraktion sein, d.h. eine maschinelle Selektion und Indexierung.

Mit dem im Teilprojekt SELIX-JB zu entwickelnden Verfahren zur selektiven Indexierung werden auf der Basis von Häufigkeiten in der Gesamtkollektion der Dokumente in Relation zu den Häufigkeiten innerhalb eines Dokumentes Entscheidungen getroffen werden, ob bestimmte Begriffe (Wörter in Grundform, auch Mehrwortbegriffe, wie sie beim hier angewendeten Verfahren MILOS identifiziert werden) für die Beschreibung eines spezifischen Dokumentes wichtig sind. Ein solcher Ansatz (globale Häufigkeiten - lokale Häufigkeiten) kann als Ausgangsbasis eines lernenden Systems benutzt werden, indem beim weiteren Aufbau alle 'Erfahrungen' in Wörterbüchern oder Datenbanken festgehalten werden, die dann bei Indexierung und Retrieval als Informations- und Entscheidungshilfen zur Verfügung stehen.

Ein schon vorhandener Thesaurus (bzw. ein semantisches Netz) erleichtern ggf. die Aufbauphase, sind jedoch im Allgemeinen für den erfolgreichen Einsatz des Systems noch nicht ausreichend (im Unterschied etwa zum menschlichen Indexierer), da ein sehr umfangreiches feines Beziehungsgeflecht zwischen Textwörtern untereinander und zwischen Textwörtern und Indextermen erforderlich ist.

Es bleibt festzuhalten, dass durch dieses Gewichtungsverfahren die Volltext-Retrievalfunktion nicht ersetzt, sondern 'bei Bedarf' ergänzt wird. Das Verfahren muss zudem dem wachsenden Datenbestand in regelmäßigen Abständen angepasst werden. Ein entsprechendes Verfahren ist Teil der Entwicklungen.

Die Entwicklungsarbeiten in Saarbrücken konnten auf der o.g. Testkollektion von 300 Dokumenten aufsetzen. Zunächst wurden für alle Dokumente mit Inhaltsverzeichnissen die durch eine MILOS/IDX-Indexierung gewonnenen Ergebnisse in eine Datenbank übertragen. Anhand der Häufigkeitsverteilung der Grundformen in der Testkollektion wurden für die Grundformen Gewichte ermittelt, die die Eignung der Grundformen zur Dokumentbeschreibung ausdrücken sollen. In einem weiteren Schritt wurden die Häufigkeiten der Grundformen innerhalb eines Dokuments mit den Häufigkeiten in der Testkollektion in Beziehung gesetzt und Gewichte ermittelt, die die Wichtigkeit dieser Grundformen für dieses Dokument festhalten sollen. Eine Kombination beider Gewichte liefert eine erste Indexierungsfunktion, die sich im Probebetrieb befindet.

2. THEAS-JB: Themen-Aspekt-Identifizierung

Durch die Anreicherung von Dokumenten sowie die Verfügbarkeit von elektronischen Volltexten steigt die Zahl verbaler Sucheinstiege über Stichwörter im Retrieval enorm an. Neben den o.a. selektiv wirkenden Maßnahmen auf der Vokabularebene über eine gewichtete Indexierung der Dokumente erscheint die Entwicklung einer zusätzlichen klassifikatorischen Erschließungskomponente unter Retrievalgesichtspunkten sinnvoll und wünschenswert. Mit der Funktion einer sog. Themen-Aspekt-Identifizierung (THEAS-JB) wird versucht, auf der Basis der Ergebnisse der automatischen Indexierung mit MILOS eine Zuordnung des Dokuments zu (einer) möglichen Thematik(en) und möglichen Aspektierungen dieser Thematik automatisiert durchzuführen. Die Identifizierung erfolgt dabei auf der Grundlage eines semantischen Bezugssystems, das anhand der maschinenlesbaren Datensammlung durch statistische Analyse und intellektuelle Markierungen spezifischer lexikalischer Einträge aufgebaut wird.

THEAS baut auf den Ergebnissen der Dokumenterschließung durch das System MILOS auf, das seinerseits eine bibliotheksspezifische Erweiterung des Indexierungssystems IDX darstellt. Soweit verfügbar und 'brauchbar', werden auch die Ergebnisse der selektiven Indexierung bzw. der selektiven Indexierung mit kontrolliertem Vokabular verwertet.

In einem ersten Schritt wird derzeit versucht, anhand der Analyse der verfügbaren Materialien (aus dem Bereich Jura) ein Kategorien- und Merkmalsystem abzuleiten, das diesen Ansprüchen gerecht wird:
  • Ein erster Ansatz ist der Versuch, aus den Volltext-Daten eine Art Zielgruppe der Nutzung abzuleiten. Dazu werden Wörter und Wortgruppen, die entsprechende Hinweise geben können, entsprechend markiert. Beispielsweise geben Wörter wie 'ein Kommentar zu' oder 'ein praktisches Handbuch', aber auch Wörter wie '...prinzip' Hinweise auf eine eher theoretische oder praxisorientierte bzw. auf Experten oder auch Laien ausgerichtete Zielgruppe. So weisen 'Fallstudien' ggf. auf Studierende der Rechtswissenschaft usf. Derartige Hinweise finden sich in der Regel im Titel, im Untertitel oder auch im Abstract.
  • Ein weiteres - eher formales - Kriterium für eine Selektion ist der Dokumenttyp. Soweit dieser nicht aus den Formaldaten (z.B. Formal-Schlagwörtern aus der SWD) zu erschließen ist - bzw. auch ergänzend dazu -, ergeben sich vielfach wiederum aus dem Titel oder Abstract entsprechende 'verbale' Hinweise, etwa auf eine Gesetzessammlung, eine Festschrift, einen Kommentar, ein Wörterbuch usf.
  • Die 'eigentliche' Aufgabe ist jedoch die Differenzierung von Themen- und Aspekt-Beziehungen. Hierzu wird ein Inventar verbaler und struktureller Indikatoren entwickelt. So geben beispielsweise Elemente wie 'neue Erkenntnis' oder 'aktuelle Entwicklung' ein Hinweis auf die Aktualität eines Themas (immer relativ zum Publikationsjahr); Elemente wie 'ein Vergleich zwischen' (x und y) stellen entsprechende Themen-Beziehungen her, Lokalisierungen wie 'in Bayern' können ein Thema einschränken usf. Aber auch 'lexikalisierte' Strukturen dienen der Differenzierung, etwa bei Komposita und Mehrwortbegriffen wie 'Prinzipien des ...' bzw. '...prinzip'.

Zur Zeit gibt es ein erstes Inventar von 'Regeln', die für die Erschließung einer Zielgruppe und des möglichen Dokumenttyps herangezogen werden. Ferner ist für den Titelteil der ausgewählten Datenmenge ein lexikalisches Grundinventar erstellt, das für gängige Strukturen die Themen-Aspekt-Zuordnung ermöglichen wird. Daraus soll ein allgemeineres, offenes Regelsystem abgeleitet werden, das es nach entsprechender technischer Implementierung erlaubt, diese Zuordnungen weitgehend ohne lexikalische Vorcodierungen zu realisieren. Das Lexikon wird dann nur noch vorgeschaltet, um 'Ausnahmen' zu identifizieren bzw. die Bausteine für eine Themen-Aspekt-Zuordnung zu ermitteln.

Retrieval

Der enorme Anstieg der Verfügbarkeit von Textdaten im Internet hat in den letzten Jahren zu einem deutlichen Entwicklungsschub bei Information-Retrieval-Systemen geführt. Dabei haben neue Retrieval-Techniken wie z.B. Fuzzy-Retrieval, Konzeptretrieval und Relevance Ranking das klassische Boolesche Freitextretrieval um wichtige Möglichkeiten ergänzt.

Der mit KASCADE verfolgte Ansatz einer Anreicherung von Titelaufnahmen mit anschließender automatischer Erschließung erfordert Retrievalmechanismen, die einerseits tolerant mit möglichen OCR-Lesefehlern umgehen können und die andererseits große Treffermengen mit intelligenten Methoden reduzieren helfen.

Evaluierung und testweiser Einsatz verfügbarer Retrievalsysteme sind daher ausdrücklich Bestandteil des KASCADE-Ansatzes. Die Daten der Testdatenbank werden zunächst für unterschiedliche Retrievalsysteme aufbereitet und in Verbindung mit diesen Retrievalsystemen getestet. Bislang wurden für folgende Systeme Testpools angelegt (in Klammern jeweils die prinzipiellen Sucheigenschaften des jeweiligen Systems):

  • BISMAS 2.0 (Registersuche und einfache Freitextsuche);
  • CONTEXT-PC [als Bestandteil von newsWorks] (Freitextretrieval mit Einbindung von gescannten Seiten);
  • AskSam 3.0 i (Freitextretrieval mit Volltextinvertierung und Fuzzy Search);
  • Micro-OPC (PICA-OPAC-System mit Freitextsuche, fehlertoleranter Suche und Relevance Ranking);
Weitere Systeme werden zur Zeit implementiert:
  • freeWAISsf (Freitextretrieval mit Relevance-Ranking); wird zur Zeit an der Universitäts- und Landesbibliothek unter LINUX eingerichtet;
  • DI-RET (Freitextretrieval mit Relevance Feedback); wird an der Universität des Saarlandes weiterentwickelt und wird 1998 für KASCADE zur Verfügung stehen;
  • BRS-Search mit WWW-Zugriff auf integrierte bibliothekarische Dienste (Freitextretrieval); wird an der Universitäts- und Landesbibliothek ab 1998 zur Verfügung stehen.

Um die Themen-Aspekt-Erschließung sowie die Dokument-Typisierung und Zielgruppen-Markierung im Retrieval nutzen zu können, sind auf der Seite der Retrievalsysteme entsprechende Anpassungen in der Dokumentstruktur und den Zugangs-Indizes vorzunehmen.

Ausblick

Sofern die Entwicklungsarbeiten erfolgreich sind, ergibt sich für den Bereich der Volltext-Erschließung (ggf. auch in Kombination mit einer intellektuellen Bearbeitung) ein deutlicher Fortschritt sowohl im bibliothekarischen Sektor (OPACs) als auch allgemein bzgl. der Gestaltung von Suchmaschinen. Letztere ist besonders gekennzeichnet durch die geringe Precision der Ergebnisse, d.h. den hohen Ballast, der sich bei der Suche mit natürlichsprachigen Wörtern bislang ergibt.

Da die 'unverdichteten' (MILOS-)Ergebnisse als Alternative weiterhin zur Verfügung stehen, kann damit (über einen entsprechenden Vergleich) nicht nur geprüft werden, welche Größenordnung diese Qualitätsverbesserung haben kann, sondern dem Nutzer / der Nutzerin allgemein die Möglichkeit geboten werden, zwischen den Alternativen je nach Bedarf zu wählen.

Ergänzungen - etwa in Richtung auf ein multilinguales Retrieval - sind, wie das Projekt CANAL/LS verdeutlicht hat, jederzeit einbringbar (setzen aber umfangreiche lexikalische Daten voraus, wenn die Performanz und damit die Akzeptanz hinreichend sein soll).

Ein noch ungelöstes - im Rahmen von KASCADE nicht angegangenes - Problem ist die Bedeutungsdifferenzierung natürlichsprachiger Wörter. Mit der Einschränkung auf ein Fachgebiet (wie im vorliegenden Falle: JURA) kann dieses Problem nur unzureichend gelöst werden. Lösungen werden erst auf der Basis eines semantischen Netzes und einer entsprechenden Kontextanalyse erfolgen können.

Angesichts der Investitionen, die hier für die Erreichung einer praktischen Wirksamkeit erforderlich sind, kann dies letztendlich nur in einer gemeinsamen Anstrengung etwa eines Bibliotheksverbundes (und darüber hinausgehender Zusammenarbeit) realisiert werden.

Bei den Entwicklungen zu KASCADE wird bereits darauf geachtet, dass bei aller entwicklungsbedingten Orientierung an einem (größeren) Fachgebiet eine Übertragbarkeit der Verfahren auf andere Fachgebiete gewährleistet ist.

Literatur und Anmerkungen

[1] Aktuelle Informationen und Projektfortschritte unter: http://www.ub.uni-duesseldorf.de/projekte/kascade/kas_kome.
[2] Vgl. z.B.: Gödert, W. ; Horny, S.: The design of subject access elements in Online Public Access Catalogs. In: International Classification 17 (1990), no. 2, S. 66-67.
[3] Vgl. hierzu: Lepsky, K.: Maschinelles Indexieren zur Verbesserung der sachlichen Suche im OPAC: DFG-Projekt an der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. In: Bibliotheksdienst 28(1994), H. 8, S. 1234-1242.
Lepsky, K.: Automatisierung in der Sacherschließung: Maschinelles Indexieren von Titeldaten. In: 85. Deutscher Bibliothekartag in Göttingen 1995: Die Herausforderung der Bibliotheken durch elektronische Medien und neue Organisationsformen. Hrsg.: S. Wefers. Frankfurt: Klostermann 1996, S. 223-233. (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie: Sonderh. 63).
Lepsky, K.: Automatische Indexierung und bibliothekarische Inhaltserschließung: Ergebnisse des DFG-Projekts MILOS I. In: Zukunft der Sacherschließung im OPAC: Vorträge des 2. Düsseldorfer OPAC-Kolloquiums am 21. Juni 1995. Hrsg.: E. Niggemann u. K. Lepsky. Düsseldorf: Universitäts- und Landesbibliothek 1996, S. 13-36. (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf; Bd. 25).
Lepsky, K.: Inhaltserschließung von bibliothekarischen Massendaten. In: Ressourcen nutzen für neue Aufgaben: 86. Deutscher Bibliothekartag in Erlangen 1996. Hrsg.: S. Wefers. Frankfurt a.M.: Klostermann 1997, S. 296-306. (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie: Sonderh. 66).
MILOS: Automatische Indexierung für Bibliotheken: Handbuch. Hrsg.: Softex GmbH Saarbrücken und Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Stand: Juni 1996. Düsseldorf: Universitäts- und Landesbibliothek 1996, 94 Bl.
[4] Weitere Informationen zu MILOS unter: http://www.ub.uni-duesseldorf.de/projekte/milos/mil_home.
[5] Stegentritt, E.: CANAL/LS: ein Versuch, den Zugriff auf Bibliotheksdaten zu verbessern. In: ABI-Technik 16 (1996), H 4, S. 379-382.

[6] Vgl.: Gödert, W.: Vom Zettelkatalog zum HyperOPAC. In: Zukunft der Sacherschließung im OPAC: Vorträge des 2. Düsseldorfer OPAC-Kolloquiums am 21. Juni 1995. Hrsg.: E. Niggemann u. K. Lepsky. Düsseldorf: Universitäts- und Landesbibliothek 1996, S. 73-94. (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf; Bd. 25).
Gödert, W.: Vom OPAC zum Hyperkatalog: Suchen und Navigieren. In: Erschließen, Suchen, Finden: Vorträge aus den bibliothekarischen Arbeitsgruppen der 19. und 20. Jahrestagungen (Basel 1995 / Freiburg 1996) der Gesellschaft für Klassifikation. Hrsg.: H.-J. Hermes u. H.-J. Wätjen. Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Universität 1996, S. 75-89.
Lepsky, K.: Vom OPAC zum Hyperkatalog: Daten und Indexierung. In: Erschließen, Suchen, Finden: Vorträge aus den bibliothekarischen Arbeitsgruppen der 19. und 20. Jahrestagungen (Basel 1995 / Freiburg 1996) der Gesellschaft für Klassifikation. Hrsg.: H.-J. Hermes u. H.-J. Wätjen. Oldenburg: Bibliotheks- und Informationssystem der Universität 1996, S. 65-74.

Letzte inhaltliche Änderung: 26. Oktober 1998

Redaktion: Heinz-Peter Berg       Stand: 24.11.2008, 09:32
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