Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf
 
English
 

Vorbemerkung zum Inventar der mittelalterlichen Handschriftenfragmente

Das vorliegende Inventar der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriftenfragmente umfaßt zur Zeit 580 Exemplare und wird kontinuierlich erweitert.

Bei der Identifizierung und Inventarisierung der Handschriftenfragmente traten sehr bald verschiedene Problematiken auf, die bei der Beschreibung und Katalogisierung kompletter Handschriften in dieser Form nicht entstehen. Im Folgenden werden diese Problematiken geschildert, sowie die methodischen Lösungsansätze dazu erläutert. Diese müssen in einigen Punkten von den gebräuchlichen Vorgehensweisen abweichen, um der Heterogenität und der Ausschnitthaftigkeit der Handschriftenfragmente gerecht werden zu können.

Bei der Beschreibung der Handschriftenfragmente handelt es sich um keine Katalogisierung im klassischen Sinne, sondern um eine Inventarisierung. Begründet ist dies darin, daß bei einem großen Teil der Fragmente schlichtweg zu wenig Text erhalten ist um eine exakte Einordnung nach sämtlichen Kriterien der Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft vorzunehmen.

Die einzelnen Beschreibungen sind bewußt knapp gehalten, denn es soll auf die Nutzbarkeit, das heißt die Übersichtlichkeit der Datenbank Rücksicht genommen werden. Die einzelnen Informationen sollen für den Nutzer schnell zugänglich sein und nicht mühsam aus großen Textblöcken in der Datenbank herausgesucht werden müssen.

Ein grundsätzliches inhaltliches Problem unterscheidet die Bestimmung von Handschriftenfragmenten von derjenigen kompletter Handschriften, wie das folgende Beispiel zeigt. Wenn auf einem Fragment etwa ein Text von Augustinus identifiziert werden kann, bedeutet dies nicht automatisch, dass das Fragment aus einer Augustinus-Handschrift stammt. Es ist ebenfalls möglich, dass es sich um ein längeres Zitat in einem anderen Kontext (zum Beispiel: eine Predigt) handeln könnte. Solche ausführlichen Zitate von Autoritäten oder auch aus der Bibel waren im Mittelalter gängige Praxis. Daher sind die Kategorien Autor und Titel nur auf das Handschriftenfragment selbst zu beziehen und können nicht in allen Fällen dirket auf die ursprüngliche Handschrift, aus der das Fragment stammt, übertragen werden.

Die Bestimmung der Provenienzen der einzelnen Fragmente erweist sich als ein sehr komplexes Problem. Streng genommen läßt sich nämlich in den meisten Fällen nur die Provenienz des "Makulaturträgers", das heißt des Zusammenhanges, aus dem das Fragment stammt (des Bucheinbandes oder der Akte) nachweisen, nicht jedoch die Provenienz des Fragmentes selbst, bzw. der Handschrift aus der es herausgeschnitten wurde. Das bedeutet, man kann nur mit einiger Sicherheit sagen, daß das Handschriftenfragment sich zum Zeitpunkt seiner Einarbeitung in den "Makulaturträger" an einem bestimmten Ort befand, aber nicht, ob dies auch sein Ursprungsort war. Da es im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit durchaus üblich war, nicht mehr benötigte Pergamente als "Rohmaterial" zur Wiederverwendung, etwa an Buchbinder, zu verkaufen, muss die ursprüngliche Provenienz eines Fragmentes nicht zwangsläufig identisch mit derjenigen des "Makulaturträgers" sein. Dadurch besteht kein zwingender Zusammenhang mehr zwischen den Provenienzen von Trägerband und Handschriftenfragment. In vielen Fällen ist eine Provenienz nicht mehr zu ermitteln, da die Fragmente im 19. und frühen 20. Jahrhundert aus ihrem Verwendungszusammenhang herausgelöst worden sind ohne daß dieser dabei schriftlich festgehalten wurde. Bei einem anderen Teil der Fragmente lassen sich zwar noch die Bücher nachweisen, aus deren Einbänden sie stammen, aber nicht mehr die Provenienz dieser Bücher.

Ein weiteres Problem bei der Bestimmung der Provenienz ist die große Heterogenität des Düsseldorfer Altbestands. Die Bücher, in denen Handschriftenfragmente gefunden wurden, stammen aus mindestens 29 verschiedenen Bibliotheken, die zumeist während der Säkularisierung aufgelöst wurden. Das kulturelle Einzugsgebiet dieser Bibliotheken, die sich zumeist im Rheinland und am Niederrhein befanden, ist sehr vielschichtig. Die Herkunft der Bücher beschränkt sich nicht nur auf die angrenzenden Regionen, wie die Niederlande, das heutige Belgien und Nordfrankreich, sondern reichen in Einzelfällen bis nach England und Italien.

Auf Angaben zur Schriftform (und daraus abzuleiten: zur Schriftheimat) wird in den meisten Fällen bewusst verzichtet, da insbesondere bei den spätmittelalterlichen Handschriften (deren Fragmente den weitaus größten Anteil stellen) keine zufriedenstellende, allgemein anerkannte Terminologie existiert. Für diese Handschriftenfragmente ist es weniger sinnvoll, eine solche Kategorie einzusetzen, da hier sicherlich in 90% der Fälle als Schriftheimat "Rheinland" angegeben werden müßte, was für eine Erforschung der genaueren Provenienz wenig hilfreich ist. Gerade bei Handschriftenfragmenten kommen im Einzelfall noch geringe Vergleichsmengen (bei sehr kleinen Exemplaren) und teilweise sehr starke Beschädigungen hinzu, die beide eine sichere Identifizierung von Schrifttyp und -heimat ausschließen können. Beobachtungen zur Schriftheimat sind eigentlich nur bei den frühmittelalterlichen Fragmenten von besonderer Bedeutung, da hierüber Fragen zur Provenienz genau geklärt werden können.

Auf die Frage des Verwendungszwecks der einzelnen Handschriftenfragmente wird mit Absicht nicht eingegangen, da die inhaltliche Erschließung im Vordergrund steht, wofür man aus dem Verwendungszweck keine Erkenntnisse ziehen kann. Die Frage der Provenienz ist hingegen für die Feststellung von Zusammengehörigkeiten einzelner Fragmente aus unterschiedlichen Zusammenhängen von Bedeutung. Beeinträchtigungen der Texte (wie Beschneidungen), die durch die Verwendung entstanden sind, werden in den Kategorien Zustand und Inhalt beschrieben. Auch wurde die Masse der Fragmente bereits frühzeitig (teilweise schon im 19. Jahrhundert) aus ihrem Verwendungszusammenhang gelöst, wobei in sehr vielen Fällen noch nicht einmal festgehalten wurde, aus welchen Büchern die Fragmente stammten. Deswegen gibt es allenfalls Indizien zu ihrer Verwendung und keine eindeutigen Beweise. Anders wäre es, wenn der Trägerband selbst beschrieben würde, da in diesem Fall das Fragment an seinem Verwendungsort als ein integrierter Bestandteil des Trägerbandes behandelt werden müsste.

An der Inventarisierung der Handschriftenfragmente waren verschiedene Personen beteiligt. Die frühmittelalterlichen Fragmente und die meisten Fragmente des 10. Jahrhunderts wurden von Klaus Zechiel-Eckes bearbeitet. Einen großen Teil der Hochmittelalterlichen Fragmente, sowie viele Fragmente aus dem Bereich Liturgie erschloss Fabian Rijkers. Die Bearbeitung aller übrigen Fragmente, insbesondere diejenigen aus dem Spätmittelalter und der Urkunden, sowie die Endredaktion sämtlicher Datensätze und das Abgleichen mit den Digitalisaten wurde von Carolin Wirtz vorgenommen. Schon bald nach der Veröffentlichung der Datenbank im Internet gab es verschiedene Reaktionen von Benutzern mit Nachfragen und Bemerkungen zu einzelnen Handschriftenfragmenten. In diesem Zusammenhang geht ein besonderer Dank an Mischa von Perger, der wertvolle Hinweise zur Identifizierung mehrerer Texte aus dem Bereich Philosophie zur Verfügung stellte.

Die Maße der Handschriftenfragmente sind in Höhe mal Breite angegeben. Doppelblätter werden aufgrund ihrer unterschiedlich starken Beschneidungen in ihrer Gesamtheit vermessen. Die Bezeichnung von Doppelblättern kann sowohl gesamt (1r, bzw. 1v pro Doppelblattseite), als auch nach Doppelblatthälften getrennt (2v, 1r; bzw. 1v, 2r pro Doppelblattseite) erfolgen. Diese auf den ersten Blick inkonsequent wirkende Bezeichnungsweise ist bewußt gewählt, da sie davon abhängt, wie gut der erhaltene Text in seiner Gesamtheit identifiziert werden kann. Auch die technische Vorgabe durch die Digitalisate spielt dabei eine Rolle.

Carolin Wirtz


Kontakt:

Redaktion: Heinz-Peter Berg       Stand: 24.11.2008, 09:32
Seitenende
Universitäts- und Landesbibliothek © 2008 Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf http://www.ub.uni-duesseldorf.de/home/ueber_uns/projekte/abgeschlossene_projekte/fragmente/vorbemerkung4329bf20>