Ein altes Buch - 15. Jahrhundert. Fünfhundert Jahre sind kein Pappenstiel, und das sieht man auch. Der Zahn der Zeit? Nein, denn die Zeit allein hätte diesem Buch wohl kaum etwas anhaben können. Es wurde auf Hadernpapier gedruckt, dem langlebigsten Papier, das wir kennen. Es wurde mit Leinenzwirn auf Hanfkordel geheftet, beide gewonnen aus den zähesten Pflanzenfasern überhaupt. Die Buchdeckel sind aus massivem Buchenholz, der Überzug besteht aus Kalbleder, das ebenfalls an Widerstandsfähigkeit kaum zu übertreffen ist.
Warum also ist der Buchrücken abgerissen, der vordere Holzdeckel gebrochen, die Heftung des Buchblocks gelöst, das Papier an den Rändern dunkelbraun und so brüchig, daß es keiner Berührung mehr standhält?
In den seltensten Fällen läßt sich die Geschichte eines solchen Buches lückenlos rekonstruieren. Denkbar ist jedoch folgendes: Bevor es seinen jetzigen Einband erhielt, lag es zunächst einige Zeit in ungebundenem Zustand im staubigen Regal eines Buchhändlers. Es wurde verkauft, wurde eingebunden und begann seine Odyssee durch feuchtkalte Magazine und überheizte Leseräume mittelalterlicher Bibliotheken, durch verräucherte Studierzimmer und bürgerliche Wohnstuben, wobei es durchaus schon einmal als Unterlage für wackelige Stühle und Tische Verwendung fand.
Es wurde einige Male verkauft und landete schließlich auf dem Karren eines Straßenbuchhändlers, wo es sowohl der prallen Sommersonne als auch der feuchtkalten Herbstwitterung trotzen mußte. Bei beschwerlichen Überlandfahrten des fliegenden Händlers leistete es gute Dienste als Unterlage unter Karrenrädern, um diese leichter über Schlaglöcher zu bewegen.
In den folgenden Jahrzehnten war das Buch Bestandteil einer kleinen Pfarrbibliothek in ländlicher Umgebung. Während eines Brandes im Pfarrhaus wurde es mit anderen Büchern notdürftig in einem Sack verpackt und in der Scheune eines benachbarten Bauern gelagert, wo es zunächst für ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit geriet. Nach seiner zufälligen Wiederentdeckung erkannte vielleicht jemand den Wert des alten Buches, versuchte es notdürftig zu säubern und schickte es auf eine weitere Reise über Flohmärkte und durch Antiquariate.
Auf einigen Umwegen gelangte es - vielleicht schon zu Anfang unseres Jahrhunderts - in den Bestand einer großen Universitätsbibliothek. In deren Magazin stand es relativ unbehelligt, bis es gegen Ende des zweiten Weltkrieges nach einem Bombentreffer im Magazin teilweise mit Löschwasser durchtränkt wurde.
Heute steht dieses Buch aufgrund seines hohen Alters und seiner Seltenheit im klimatisierten Tresorraum der Bibliothek. Irgendwann erhält dieses Buch im Zuge der Bestandserhaltung das Prädikat ‚restaurierungsbedürftig'. Was aber bedeutet nun "restaurieren"? Laut Brockhaus bedeutet restaurieren: "Ein Kulturerbe in seinen ursprünglichen Zustand bringen, wiederherstellen, ausbessern". Doch das wirft nur neue Fragen auf.
Welcher ist der ursprüngliche Zustand dieses Buches? Ist es der ungebundene Buchblock im Regal des mittelalterlichen Buchhändlers? Oder das gebundene Buch auf dem Karren des Straßenhändlers? Vielleicht war das Buch in seinem ursprünglichem Zustand, bevor es im Krieg schwer beschädigt wurde? Hat es irgendwann einen neuen Einband bekommen? Ist es repariert worden? Was bezeichnet man als Original? Welcher ist der Urzustand?
Rein technisch gesehen ist Restaurierung eine Symbiose aus traditionell handwerklichen Fertigkeiten, hochmodernen Techniken und Materialien mit dem Anspruch wissenschaftlicher Genauigkeit. Würde man alle Möglichkeiten restauratorischen Könnens ausschöpfen, wäre es durchaus möglich, nahezu alle Schäden fast spurlos zu beseitigen und dem fünfhundert Jahre alten Buch ein Erscheinungsbild beinahe "wie am ersten Tag" zu verleihen. Doch das darf niemals Ziel einer Restaurierung sein. Das Buch wäre auf einen Schlag all seiner Spuren beraubt, mit deren Hilfe sich seine Geschichte überhaupt erst bezeugen läßt. Die Gefahr, solche Spuren zu verwischen ist groß, da diese Spuren fast immer auch Schäden sind, angefangen vom Schmutz zwischen den Buchseiten, der Hinweis auf Vorbesitzer, Standorte und Herkunft eines Buches enthalten kann, bis hin zu Stuhlbein- und Karrenradabdrücken auf den Buchdeckeln.
Angesichts all dieser kleineren und größeren Schäden steht jetzt die Frage obenan, ob deren Beseitigung für den Erhalt und die Benutzbarkeit des Buches notwendig ist. Müssen sie beseitigt werden, so ist eine genaue Dokumentation der durchgeführten Arbeitsschritte unerläßlich.
Neben diesen äußerlichen Dingen sind andere Probleme ebenso wichtig, so zum Beispiel die Frage, inwieweit ein Buch während der Restaurierung chemisch verändert werden darf. Einerseits ist die chemische Veränderung des Materials sicherlich erwünscht, z.B. beim Entsäuern und Puffern säuregeschädigter Papiere. Andererseits sollte auch in diesem Bereich nach Möglichkeit der Originalzustand des Objekts erhalten bleiben.
Deshalb sind besonders solche Verfahren fragwürdig, bei denen die chemische Veränderung des Materials lediglich ein unerwünschter Nebeneffekt ist oder - im schlimmsten Fall - die chemische Wirkung auf das Material nicht genau bekannt ist und somit unkalkulierbare Risiken birgt.
Diese Problematik wird besonders deutlich bei der Bekämpfung mikrobiellen Befalls an Büchern. Es ist oft schon schwierig genug, genau zu bestimmen, um welche Art von Schädling es sich handelt. Schimmelpilz, der allein schon mit mehreren hundert Arten vertreten ist, und Bakterien können durchaus ähnlich Erscheinungsformen besitzen. Um so schwieriger ist demnach die Auswahl geeigneter Behandlungsmethoden zur Abtötung bzw. Bekämpfung der Mikroorganismen.Da ein ungebremster Schimmelbefall aber nicht nur zum Totalverlust eines Objektes führen kann, sondern auch für den menschlichen Organismus eine erhebliche Gesundheitsgefahr darstellt, scheint die Abtötung der Schimmelkulturen, eine Sterilisation des Objektes, eine notwendige Maßnahme zu sein. Zumindest aber ist es unabdingbar, dieses Risiko auf ein vertretbares Maß zu reduzieren.
Durchaus gängig ist in Deutschland die Begasung der Objekte mit Ethylenoxyd. Das Verfahren bietet die Sicherheit, daß jegliches Leben durch die Behandlung vernichtet wird. Ethylenoxyd ist hochgiftig, explosiv, leicht brennbar, krebserregend und sehr reaktionsfreudig. Welche Auswirkungen ein solches Gas auf die vielen verschiedenen Materialien hat, die in Bucheinbänden verarbeitet sind, ist nicht geklärt. Ethylenoxyd vermag Zellulose durch zusätzliche Molekülvernetzung chemisch zu verändern, was zu veränderten physikalischen Eigenschaften des Papiers führt. Ebenso beeinflußt Ethylenoxyd die molekulare Struktur proteinhaltiger Stoffe wie Leder, Pergament, tierischer Leime etc., was zu herabgesetzter Alterungsbeständigkeit bzw. verminderter Klebkraft führt. Enthalten diese tierischen Produkte zusätzlich Fett, so können sie während der Begasung Ethylenoxyd absorbieren und über längere Zeiträume abgeben, was zu einer akuten Gesundheitsgefährdung beim Umgang mit begastem Material führen kann.
All dies macht das Verfahren für den verantwortungsvollen Restaurator inakzeptabel. Ist gewährleistet, daß das schimmelbefallene Buch nach der Restaurierung bei maximal 50% relativer Luftfeuchte und 18° C Raumtemperatur gelagert wird, so ist das Pilzwachstum damit weitgehend verhindert und eine rein mechanische Entfernung des vorhandenen Schimmels sicherlich ausreichend. Das Arbeiten an einer Sicherheitswerkbank mit konstanter Absaugung sollte hierbei selbstverständlich sein.
Bedenkt man nun, daß diese Lagerungsbedingungen auch für begaste Objekte unabdingbar sind, um einen Neubefall zu vermeiden, muß man den Nutzen einer Begasung mit Ethylenoxyd generell anzweifeln. Als problematisch anzusehen ist sicherlich auch, daß eine sterile Fläche aufgrund fehlender Konkurrenzbesiedelung sehr viel schneller durch einzelne Spezies besiedelt werden kann.
So bleibt Restaurierung eine Gratwanderung zwischen konservatorischen Erfordernissen und technischen Möglichkeiten zwischen einfühlsamer, zurückhaltender Bewahrung des Alten und handwerklichem Ehrgeiz. Für die Restaurierung gibt es kein allgemeingültiges Rezept. Jedes Objekt birgt neue Probleme, verlangt neue Lösungen.
So haben sich in jeder Werkstatt eigene Methoden und Philosophien entwickelt, die zum einen von den zu restaurierenden Objekten und zum anderen von der Fachkenntnis und dem Können der jeweiligen Restauratoren abhängen. Hier kann nur immer wieder auf eine solide Handwerksausbildung hingewiesen werden, die leider aufgrund der kritischen Allgemeinsituation des Handwerks immer seltener wird. Ebenso wichtig sind regelmäßige Fortbildung und die gute Zusammenarbeit von Restauratoren und Wissenschaftlern.
Gelangt ein Buch wie jenes, dessen wechselvolle Geschichte eingangs beschrieben wurde, zu uns, das heißt in die Restaurierungswerkstatt der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, so besteht der erste Schritt in der genauen Betrachtung dessen, was vor uns liegt. Wichtig ist neben allen Schäden, Verschmutzungen und Fehlstellen der Gesamteindruck des Werkes. Er sollte nach der Restaurierung erhalten geblieben sein. In Gedanken gehen wir den möglichen Arbeitsablauf durch. Bei der Planung jeden Schrittes muß man kritisch fragen: Was ist nötig? Was ist möglich? Was muß vermieden werden? Und daraus resultierend: Was ist das Ziel der Restaurierung?
Läßt sich absehen, daß im Zuge der Restaurierung Spuren verwischt werden oder Originalsubstanz wegen zu starker Schädigung entfernt werden muß, so wird die Dokumentation der entsprechenden Arbeitsschritte besprochen: Wann müssen welche Fotografien angefertigt werden, wie können nicht wieder verwendbare Einbandfragmente gesichert werden etc.?
Eine der schwerwiegendsten Endscheidungen muß am Anfang der Restaurierung gefällt werden: Muß der Buchblock zerlegt werden oder nicht? Diese Frage hat entscheidenden Einfluß auf Ablauf und Umfang der Restaurierung. Das Lösen der Heftung und das Trennen der einzelnen Heftlagen ist ein massiver, mit Substanzverlust verbundener Eingriff in das Einbandgefüge. Es erfordert viel Erfahrung und buchbinderisches Können, einen solchen Buchblock wieder so zusammenzufügen und zu heften, daß man ihm die vorangegangene Zerlegung nicht ansieht und er sich nahtlos mit den anderen Einbandelementen verbindet. Von daher gesehen sollte also die Zerlegung vermieden werden. Ist jedoch eine wäßrige Behandlung des Papiers erforderlich, um es zu entsäuern, zu puffern oder um umfangreiche Fehlstellen zu ergänzen, so ist eine Zerlegung unumgänglich - und das ist bei vielen Büchern der Fall.
In unserem konkreten Fall, dem schwer geschädigtem Band des 15. Jahrhunderts, ist eine Zerlegung und Neuheftung ebenfalls notwendig, da die Heftung, wie bereits erwähnt, schon in desolatem Zustand ist. Zudem erfordert der kriegsbedingte Wasserschaden eine umfangreiche wäßrige Behandlung. Durch die Wassereinwirkung wurden verschiedene Abbauprozesse in Gang gesetzt oder beschleunigt. Als Folge dieser Prozesse sind die Ränder der betroffenen Blätter verbräunt und so amorph, daß eine Handhabung der Objekte fast unmöglich ist. Deshalb erscheint es auf den ersten Blick seltsam, ein solches Papier erneut mit Wasser in Berührung zu bringen.
Warum also muß überhaupt "gewässert" werden? Zellulosefasern haben die Eigenschaft, sich bei der Papierherstellung über sogenannte Wasserstoffbrücken an ihren Kreuzungspunkten zu verbinden. Dadurch wird die Bildung eines stabilen Fasergefüges erreicht.Durch Oxydationsprozesse kommt es zu einer chemischen Veränderung der Fasern, bei der die Wasserstoffbrücken zerstört und außerdem aus intakten Zellulosemolekülen säurehaltige Verbindungen gebildet werden. Diese Säuren wiederum wirken als Katalysator für den sogenannten hydrolytischen Abbau, bei dem die Zellulose fast vollständig zerstört werden kann. Die Gefahr der Übersäuerung und damit des beschleunigten hydrolytischen Abbaus ist für das Papier generell sehr hoch. Säuren entstehen nicht nur im Papier selber, sie können auch von außen hineingelangen, z.B. durch die Leimung des Papiers, durch das Bedrucken oder Beschreiben oder durch Luftschadstoffe wie Schwefeldioxyd, das besonders zu Zeiten der Industrialisierung und der Entstehung der großen Fabriken sowie der Einführung der Gasbeleuchtung in sehr hohem Maße an unsere Kulturgüter gelangten und hier mit dem in den Objekten befindlichen Wasser schwefelige Säure bildet. Da diese Säuren katalytisch wirken und sich nicht selbst abbauen, ist es von größter Wichtigkeit sie zu neutralisieren und somit die Alterungsbeständigkeit des Papiers zu gewährleisten
Da wir häufig mit Fragen konfrontiert werden, die sich auf die Alterung und den Zerfall von Papierobjekten beziehen, möchten wir an dieser Stelle von unserem mittelalterlichen Buch in die Neuzeit abschweifen. Denn gerade die industriell gefertigten Papiere des 19. und 20. Jahrhunderts weisen im Vergleich zu handgefertigten Hadernpapieren Schäden auf, die nur schwer in den Griff zu bekommen sind. Bei der Herstellung von Hadernpapier werden Stoffreste und Lumpen in kleine Stücke gerissen und in Wannen oder Gruben unter Zugabe von Wasser so lange gelagert, bis der einsetzende Fäulnisprozeß den Faserverbund gelockert hat. Durch Stampf- und Mahlprozesse wird das Fasergefüge soweit "aufgeschlossen", daß eine Suspension von feinstverteilten Fasern im Wasser entsteht.
Aus diesem "Ganzstoff" wird nun auf dem Schöpfsieb des Papiermachers das Blatt gebildet. Nach dem Pressen und Trocknen der Blätter wird dem Papier durch eine Oberflächenleimung mit Glutinleim und anschließendem Glätten die nötige Festigkeit und Beschreibbarkeit verliehen. Am Ende dieses Verfahrens steht ein Papier aus hochwertigen Rohstoffen, das ohne äußere Einwirkung eine nahezu unbegrenzte Alterungsbeständigkeit aufweisen sollte.
Das gilt leider nicht für die massenhaft hergestellten Papiere des Industriezeitalters. Die hohe Produktionsleistung der neu erfundenen und immer wieder verbesserten Papiermaschinen ließ Lumpen und Stoffreste bald als Rohstoff sehr knapp werden. Man suchte nach neuen, reichlich vorhandenen Rohstoffen und entdeckte schon bald das Holz. Die einfachste Herstellung von Papierbrei aus Holz ist das Schleifen von grob geschälten Stämmen unter Zugabe von Wasser. Dieser sogenannte Holzschliff ist ein sehr minderwertiger Rohstoff. Holzschliffhaltiges Papier zeichnet sich durch geringe Alterungsbeständigkeit, äußerst hohe Lichtempfindlichkeit (Verbräunung) infolge fotochemischer Prozesse und bald eintretender Brüchigkeit aufgrund schnell abbauender, extrem kurzkettiger Zellulosemoleküle aus. In hohem Maße sind hierfür die im Holz enthaltenen Gerbstoffe und Harze, z.B. Lignin, verantwortlich. Um dem Papier die nötige Festigkeit zu verleihen, setzte man dem Papierbrei Kolophonium zu, und um diesen Stoff an die Fasern anzulagern, bedarf es allerdings der Zugabe von Aluminiumsulfat. Aluminiumsulfat vermag jedoch mit Wasser Schwefelsäure (h2 SO4) zu bilden, deren Auswirkung auf die Papierfaser geradezu verheerend ist. Zudem besteht bei dieser Form der Leimung nicht die Möglichkeit des Auswässerns.
In unserem konkreten Fall handelt es sich aber nun um Hadernpapier, und somit kann der erste Schritt auf dem Weg dorthin in einer Wässerung bestehen:
Die einzelnen Blätter werden zwischen Kunststoffsiebe gelegt und in ein Wässerungssystem eingebracht, in dem deionisiertes Wasser mit Hilfe von Umwälzpumpen in ständigem Kreislauf gehalten und gleichzeitig auf bis zu 60C° erwärmt werden kann. Durch diese erste Wässerung, die durchaus mehrere Stunden dauern kann, wird das Fasergefüge des Papiers durch Lockerung und anschließende Neuverschränkung der Fasern deutlich stabilisiert. Zusätzlich werden Wasserränder, die größtenteils aus angeschwemmten Schmutzpartikeln und natürlichen Leimstoffen bestehen, weitgehend entfernt. Im Papier enthaltene freie Säuren werden ausgespült und beim Passieren eines Ionentauschers elektrolytisch dissoziiert. Weiterhin werden Schmutzpartikel, die unter anderem als Träger von Pilzsporen fungieren, durch Filtration eliminiert. Hierbei passiert das Wasser vor Eintritt in den Ionentauscher einen Mikrofilter mit entsprechend hohem Abscheidungsgrad.
Beim zweiten Wässerungsgang wird das Wasser mit Calcium- bzw. Magnesiumcarbonat hoch angereichert, um diese Erdalkalien als Puffersubstanz an die Papierfasern anzulagern. Dies geschieht, indem das entionisierte Wasser mit Druck und unter Zugabe von Kohlendioxyd durch druckfeste Patronen, gefüllt mit Kalksandsteingranulaten, in verschiedenen Calcium- und Magnesiumanteilen gedrückt wird. Dadurch werden noch im Papier verbliebene Säuren neutralisiert, und einer zukünftigen Säureeinwirkung wird prophylaktisch entgegengewirkt.
Bei dieser umfangreichen Naßbehandlung werden dem Papier aber auch wichtige Leimstoffe entzogen, die nach einer schonenden Zwischentrocknung der Blätter ersetzt werden müssen. Ursprünglich wurden Hadernpapiere hauptsächlich mit Glutinleim, d.h. Haut- und Knochenleim geleimt und anschließend geglättet, um erstens ihre Festigkeit zu erhöhen und zweitens ihre Beschreibbarkeit zu gewährleisten. Dieses Verfahren der Oberflächenleimung kommt auch heute in der Restaurierung zur Anwendung. Zusätzlich besteht heute die Möglichkeit, diese Nachleimung mit den bereits erwähnten Zellulosederivaten wie Hydroxypropylzellulose durchzuführen.
Dieser Standardablauf bei der Behandlung von Handernpapieren, nämlich Wässern, Puffern, Nachleimen, läßt sich allerdings nur dann durchführen, wenn gesichert ist, daß alle im Buch befindlichen Farbstoffe bzw. Bindemittel wasserresistent sind. Obwohl wir heutzutage aufgrund umfangreicher Forschungsarbeit über die Sicherung von Malschichten ein breites Spektrum von Möglichkeiten besitzen, sind der Fixierung von Farbstoffen vor der Wässerung enge Grenzen gesetzt. Der verantwortungsvolle Restaurator soll nicht nur darauf achten, daß die Fixierung stabil ist. Er muß berücksichtigen, daß jedes Bindemittel einen anderen Lichtbrechungsindex besitzt und es dadurch zu Farbveränderungen an den behandelten Oberflächen kommen kann. Er muß den Aspekt der Alterungsbeständigkeit, der Reversibilität und der möglichen "Wanderung" bestimmter Bindemittel in seine Überlegungen mit einbeziehen. Wir bevorzugen die Fixierung mittels schnell flüchtiger Bindemittel, wie es z.B. der Stoff Cyclododekan darstellt, oder aber die Fixierung mittels althergebrachter natürlicher Bindemittel, die zwar nur eine kurzfristige Wasserbeständigkeit bieten, aber für das Objekt relativ unbedenklich sind. Da wir aus der Vergangenheit einige Beispiele für verheerende Schäden durch kritiklose Anwendung von Acrylaten zur Fixierung kennen, halten wir derartige Stoffe für indiskutabel. Durch Acrylate wie z.B. Plexigum P 24 kommt es teilweise zu massiven Farbveränderungen, zu schollenartigem Abplatzen der gesamten Malschicht oder schlimmstenfalls zum Zusammenkleben der Buchseiten an den behandelten Stellen. Zudem sind derartige Kunststoffe meist irreversibel mit dem Objekt verbunden.
Nicht minder umstritten sind die Methoden, Papier zu bleichen. Sie haben in den meisten Fällen keinen konservatorischen, sondern lediglich kosmetischen Nutzen. Nur in Ausnahmefällen kann ein sanftes Bleichen bei Hadernpapier erforderlich sein, so z.B. bei Druckgraphiken, deren Informationsgehalt wesentlich vom Schwarz-Weiß-Kontrast abhängt. Eine starke Verbräunung oder Verschmutzung des Papiers ist hier nicht nur störend, sie verfälscht auch die Aussage des Objekts. Ähnliches gilt auch für gedruckte Texte, bei denen nur eine Bleiche die Lesbarkeit wieder herstellen kann. Anders sieht dies allerdings bei holzschliffhaltigen Papieren aus, hier kann durch eine gezielte Chlorbleiche der Ligninanteil im Papier deutlich reduziert werden.
Großen Wert legen wir auf eine qualitativ hochwertige Ergänzung der Fehlstellen am Papier. Ein sehr häufiges und vielbeschriebenes Verfahren zur Papierergänzung ist das Anfasern mit flüssigem Faserbrei. In einem speziell konstruierten Anfasergerät wird ein Wassersog erzeugt, der den stark verdünnten Faserbrei durch die Fehlstellen des planliegenden Blattes ansaugt. Auf einem darunterliegendem Siebgewebe werden die Fasern zurückgehalten und lagern sich exakt an alle, auch noch so kleinen Fehlstellen an. Speziell bei insektenfraßgeschädigten Papieren, die teilweise siebartig durchlöchert sind, lassen sich verblüffende Resultate erzielen. Bei besonders empfindlichen Objekten lassen sich Anfaserungen auch partiell durchführen.
Doch das Anfasern hat seine Grenzen. So können z.B. glatte Blattkanten, wie sie durch Schnitte entstehen, oder gerade Risse im Papier Probleme verursachen, da die angeschwemmten Papierfasern hier keine Möglichkeit zur Verankerung am Originalpapier haben. Desweiteren entstehen bei großflächigen Anfaserungen häufig Verspannungen, die durch unterschiedliche Dehnungskoeffizienten von Original und Ergänzung entstehen. Speziell an mechanisch stark beanspruchten Bereichen eines Buchblocks kann dies fatale Auswirkungen haben. Uns sind Fälle bekannt, bei denen sich ganze Buchseiten, die im Bereich der Heftung umfangreiche Anfaserungen aufwiesen, aus dem Einband lösten, weil die Anfaserung an den relativ glatten Blattkanten des Originalpapiers keine ausreichende Biegefestigkeit aufwies.
Unsere Werkstatt hat sich auf die Fehlstellenergänzung mit Japanpapier spezialisiert und diese klassische Arbeitsmethode ausgebaut und perfektioniert. Während bei der Anfaserung alle Fehlstellen eines Blattes in einem Arbeitsgang ergänzt werden, so muß bei der Japanpapier-Methode jede Fehlstelle einzeln behandelt werden, oftmals sogar von beiden Seiten. Das Japanpapier wird an jede Fehlstelle millimetergenau angepaßt und mit reversiblem Stärkekleister verklebt. Mit entsprechender Übung und gut organisiertem Arbeitsablauf lassen sich auch umfangreiche Ergänzungen in einem ähnlichen Zeitrahmen durchführen, wie er zur Anfaserung notwendig ist. Dies gilt allerdings nur für den Bereich Buchrestaurierung, da uns hier die Japanpapier-Methode häufig erlaubt, am gehefteten bzw. unzerlegten Buchblock zu ergänzen.
Durch die Verwendung verschiedener Sorten Japanpapier, die sich in Farbe, Flächengewicht, Volumen und Faserart stark unterscheiden können, haben wir die Möglichkeit, die Ergänzung genau an das Originalpapier anzupassen. Diese in Japan nach traditionellen Methoden handgefertigten Papiere besitzen aufgrund des verwendeten hochwertigen Fasermaterials und des einzigartigen Herstellungsverfahrens herausragende Eigenschaften, die sie für die Papierrestaurierung geradezu ideal machen. Die langen flexiblen Fasern verleihen dem Papier eine hohe Alterungsbeständigkeit und lassen sich bei angefeuchtetem Papier sehr leicht der Fehlstelle entsprechend wegreißen oder auf das Originalpapier übergreifend ausschaben. Hierdurch wird selbst morbideste Papiersubstanz, die durchaus noch Wasserzeichen, Marginalien oder andere Informationen aufweisen kann, ausreichend gefestigt. Diese Ergänzungen sind nach unseren Erfahrungen äußerst stabil und gewährleisten beim restaurierten Buch in nicht unerheblichem Maße die Benutzbarkeit. Durch die präzise Anpassung an das Originalpapier können auch Fehlstellen an mehreren hundert Seiten starken Buchblöcken ergänzt werden, ohne das sich ihr Volumen übermäßig erhöht. Dies ist für die darauf folgende Rekonstruktion bzw. Restaurierung des Einbandes von größter Wichtigkeit.
Bei einer Restaurierung, die allen konservatorischen Forderungen, speziell denen der Kodikologen, gerecht werden soll, müssen ästhetische Ansprüche oft zugunsten der Originalität des Einbandes aufgegeben werden. Der einheitliche Buchrücken erscheint einfach schöner als der Originalrücken, bei dem die abgerissenen Teile ergänzt werden oder dessen verbliebene Fragmente auf ein neues Rückenleder aufgebracht sind.
Leider ist die originalgetreue Restaurierung nicht nur wesentlich diffiziler als das bloße Austauschen defekter Einbandelemente, sie ist auch häufig aufgrund unspektakulärer Ergebnisse bei relativ hohem Arbeitsaufwand schwerer zu rechtfertigen. Doch die ideale Wiederherstellung eines Einbandes ist aus restauratorischer Sicht nicht nur reversibel und alterungsbeständig, sondern auch auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Dies hängt entscheidend davon ab, inwieweit es gelingt, das Überzugsmaterial, also meist Leder oder Pergament, vollständig zu erhalten und ohne Verlust wiederzuverwenden. Dazu ist allerdings ein genauer "Unterbau" zwingend notwendig. Neben einem intakten, einbandfähigen Buchblock sind hier die Buchdeckel von großer Wichtigkeit.
Sind bei einem Buch einer oder beide Buchdeckel stark beschädigt oder - wie im Falle unseres Beispiels - sogar gebrochen, so ist eine sorgfältige Reparatur und Wiederverwendung als Optimum anzusehen. Der Buchrestaurator sollte allerdings in der Bearbeitung von Holz so versiert sein, daß er aus neuem Holz eine detail-und maßstabsgetreue Kopie des Originaldeckels herstellen kann. Denn oft genug sind die Buchdeckel von Schadinsekten so stark durchlöchert worden, daß sie eine schwammartige Struktur aufweisen und bereits bei geringer mechanischer Belastung zerbröckeln.
Aber unser "Patient" aus dem 15. Jahrhundert weist noch einen weiteren Schaden auf, der bisher noch nicht beschrieben wurde. Die Schließenbänder sind durchgerissen und mitsamt den vorderen Schließenteilen verlorengegangen. Dieses Schadensbild entstand häufig dadurch, daß das am Vorderschnitt mit dem Titel versehene und "rückwärts" im Regal stehende Buch an den Schließen angefaßt und so aus dem Regal gezogen wurde. Aus Kostengründen wird häufig auf die Ergänzung fehlender Schließen verzichtet. Zudem ist die Herstellung stabiler Schließen nach historischem Vorbild nicht einfach und der Umgang mit dem für den Buchbinder untypischen Werkstoff Metall oftmals gefürchtet.
Wir halten die Ergänzung der fehlenden Schließenteile nicht nur aus optischen Gründen für wichtig. Der Buchblock eines Holzdeckelbandes wird durch gut funktionierende Schließen unter relativ kräftigem Druck gehalten. Dadurch wird eventuellen Verformungen bei schrägstehendem Buch entgegengewirkt. Wasserschäden fallen bei fest verschlossenen Büchern bei weitem nicht so gravierend aus wie bei halb geöffneten. An einem komprimierten, senkrecht stehenden Buch kann z.B. Wasser aus einer Sprinkleranlage zu großen Teilen ablaufen, während das Buch, das schräg und halb geöffnet im Magazin steht, sich dem Löschwasser gegenüber wie ein Schwamm verhält.
Noch wichtiger sind Schließen für Kodizes, die Pergament enthalten. Pergament ist von Natur aus sehr hygroskopisch und kann bei Schwankungen der relativen Luftfeuchte immense Materialkräfte entwickeln, indem es schrumpft oder sich wellt. Durch den Druck, den die Schließen auf den Buchblock ausüben, können diese Bewegungen und Verspannungen zwar nicht ganz verhindert, aber immerhin soweit reduziert werden, daß für die Malschichten die Gefahr des Abplatzens minimal ist.
Ist die Restaurierung des Buches abgeschlossen, so ist die Arbeit des Restaurators noch nicht beendet. Er sollte sich nicht nur - wie zu Anfang des Textes beschrieben - Gedanken über die Vergangenheit, sondern auch über die Zukunft des behandelten Buches machen. Die Überwachung und Optimierung der Lagerbedingungen, unter denen die Bücher aufbewahrt werden, gehören ebenfalls zu seinen Aufgaben. Äußere Einwirkungen wie Temperatur, relative Luftfeuchte, Lichteinfall etc. dürfen sich nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegen, um Alterungsbeständigkeit zu gewährleisten. Um die restaurierten Bücher vor Verschmutzung und übermäßigem Lichteinfall zu schützen, sollten sie in Schlagkassetten oder Schubern aufbewahrt werden. Diese sollten vom Restaurator exakt an das betreffende Objekt angepaßt sein und bei Bedarf Seitenfächer oder doppelte Böden aufweisen, in denen z.B. Dokumentationen oder Fragmente sicher aufbewahrt werden können.
Wir in der Werkstatt der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf sind nicht nur bemüht, eine unserer Meinung nach vernünftige, zeitgemäße Restaurierungsphilosophie konsequent zu vertreten, sondern auch eine ebenso konsequente und vielseitige Ausbildung zum Handwerksbuchbinder zu verwirklichen. Diese Aufgabe wird mit der Abteilung Buchbinderei geteilt und beinhaltet die Schulung im Umgang mit den verschiedensten Werkstoffen. Hierzu gehören nicht nur die ungezählte Vielfalt der Papiere, sondern auch der Umgang mit Leder, Pergament und anderen nur denkbaren Materialien.
Wir ziehen durchaus auch den kunsthandwerklichen Aspekt in Betracht, der nicht nur neue Kunstwerke schafft, die für manchen bibliophilen Sammler stets einen Genuß darstellen. Auch das Verständnis der nachfolgenden Handwerkergenerationen für solche Einbände, wie sie z.B. in der Renaissance von Jakob Krause oder in unserem Jahrhundert von großen Buchbindern wie Riviere & Son. gefertigt wurden, soll gefördert werden. Die Präzision und Schönheit dieser Einbände wird gerade heute so sehr von Buchliebhabern geschätzt.Um diese Kunstwerke zu erhalten, bedarf mehr als nur einer guten Ausbildung, es erfordert Motivation, Anerkennung, hohes handwerkliches Geschick und ein Wissen, dessen nur noch wenige Menschen in unserer schnellebigen Zeit mächtig sind. Aber wir glauben, daß es wert ist, dies zu erhalten, und ebenso hoffen wir, daß sich viele Freunde des Buches zusammenfinden, die sich dafür einsetzen, auch in Zukunft Altes und Neues, das als einzigartig betrachtet werden kann, in die Hand nehmen zu können.
Es gibt sicherlich noch viele Aspekte, die das alte Buch, seine Geschichte und die darauf ausgerichtete Restaurierung betreffen. Wichtig erschien uns die Darstellung einer Restaurierungsphilosphie, die das Buch nicht als bloßen Schriftträger, aber auch nicht als rein museales Objekt ansieht. Das alte Buch in seiner Gesamtheit zu verstehen, als Gebrauchsgegenstand, der seine Informationen auf verschiedensten Ebenen preisgibt, und diesem Gegenstand eine technische Behandlung zukommen zu lassen, die ihm in allen Bereichen seines vielschichtigen Wesens gerecht wird. Das macht die Kunst des guten Restaurierens aus. Das ist es aber auch, was eine Individualrestaurierung so aufwendig und kostspielig macht. Der Bedarf für solche Restaurierungsarbeiten ist jedoch riesig. Es gibt kaum eine Bibliothek, in der keine alten Schätze liegen, die nicht nur restaurierungsbedürftig, sondern auch restaurierungswürdig sind.
Trotzdem hat das alte Buch neben anderen Kunstwerken einen schweren Stand. Im Gegensatz zu Gemälden oder Skulpturen erschließt sich das Buch seinem Betrachter nur zögerlich. Im Normalfall muß es zunächst aus seiner lichtgeschützten Umgebung hervorgeholt werden, und selbst dann erfordert es vom Betrachter oder Benutzer Fachkenntnis und eine gute Beobachtungsgabe, um das Objekt Buch mit all seinen Facetten und Besonderheiten wahrzunehmen, sei es als Schriftträger, als Kunstwerk, als handwerkliches Produkt, als Gebrauchsgegenstand, oder als Zeitzeuge vergangener Epochen. Um so schwieriger ist es deshalb, die fertige Restaurierung eines solchen Buches zu beurteilen.
Wird das Buch nach Abschluß der Arbeiten wieder im klimatisierten Dunkel eines Tresorraumes aufbewahrt, so sind auch die vielen Arbeitsstunden und die handwerkliche Meisterschaft des Restaurators nur noch für wenige Menschen sichtbar. Deshalb haben wir dies hier geschrieben, um den geneigten Leser einen Blick auf das werfen zu lassen, was man nur bei sehr genauem Hinsehen oder überhaupt nicht sieht, sei es die lange Geschichte der Zerstörung eines Buches oder die vergleichsweise kurze Zeit seiner Restaurierung.
Das Objekt verlangt mehr als bloße Erneuerung, es hat verdient, als das erhalten zu werden, was es ist: Ein altes Buch.
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