Projekt ACCELERATE (Düsseldorf)
Anders als unsere beiden Partnerbibliotheken ist die ULB Düsseldorf keine SSG-Bibliothek, hat somit auch keine Funktion im System der überregionalen Literaturversorgung. Folglich unterscheidet sich unser Projektauftrag auch deutlich von beiden bisher vorgestellten Zielsetzungen. Vor dem Hintergrund einer evtl. Ausweitung des Sammelauftrages von SSG-Bibliotheken auf elektronische Zeitschriften, hatten wir die Aufgabe übernommen, zunächst Evaluierungsmethoden und darauf aufbauend dann Nutzung und Akzeptanz dieser neuen Medienform an einer Universitätsbibliothek zu untersuchen. Die Ergebnisse sollen zur Entscheidungsfindung beitragen, ob und in welcher Form die DFG zukünftig den Erwerb von elektronischen Zeitschriften in ihrem Sondersammelgebietsprogramm unterstützt.
Ich möchte Ihnen nun die wichtigsten Projektergebnisse wie folgt vorstellen.
Folie 1: Gliederung (Projektbericht Accelerate)
Wie kommt man an Nutzungsdaten?
Folie 2: Wie kommt man an Nutzungsdaten ?
Die ULB Düsseldorf war in der glücklichen Lage, schon zu Beginn des Projektes über 2600 elektronische Zeitschriften anbieten zu können, überwiegend von Elsevier, Springer und EBSCO und wir waren überzeugt, mit den von diesen Firmen gelieferten Nutzungsdaten unser Projekt durchführen zu können. Doch leider erwiesen sich alle diese Statistiken für unsere Zwecke als ungeeignet, sodaß wir einen Großteil unserer Projektzeit darauf verwenden mußten, eigene Methoden zur Nutzungsuntersuchung zu entwickeln. Es zeigte sich schnell, daß diese Versuche fast ausnahmslos zum Scheitern verurteilt waren, weil uns einfach die dazu nötigen Rohdaten - die LogFiles - fehlten und uns die Verlage an diesen Kostbarkeiten auch nicht teilhaben ließen. Die einzigen LogFiles, die uns zur Verfügung standen, waren die von Elsevier, aber auch nur deshalb, weil das Land NRW vor 2 Jahren mit Elsevier eine on-site-Lösung vereinbart hatte - wir also dadurch, daß wir die ejournals von eigenen Servern aus anboten, auch im Besitz der LogFiles waren. Nahezu alle unsere Ergebnisse basieren daher auch auf unserem Elsevier-Angebot. Das klingt zunächst nicht sehr repräsentativ, es ist aber zu bedenken, daß das Elsevier-Angebot ca. ein Drittel unseres Gesamtbestandes ausmacht. Darüberhinaus war der Springer-Verlag so kooperativ, uns zumindest LogFiles einiger Monate testweise zur Verfügung zu stellen und da diese Ausschnitte in der Nutzungsverteilung ein ähnliches Bild wie die Elsevier-Titel zeigten, würden wir unsere Ergebnisse nicht nur auf die Elsevier-Titel beziehen, sondern aus gutem Gründen verallgemeinern wollen.
Mit unserem Algorithmus waren wir schließlich in der Lage, alle LogFile-Einträge auswerten zu können. Aber wir wollten ja nicht nur Zugriffe registrieren, sondern "Nutzung" messen. Doch was definiert man als eine Nutzung? Nur einen Volltextzugriff? Dabei kommt sicherlich die gern gewählte Möglichkeit des Browsings in Abstracts und Inhaltsverzeichnissen als Nutzungsform zu kurz. Berücksichtigt man jedoch auch diese Zugriffe in einer Statistik, wird eine Gegenüberstellung mit anderen Formen der Literaturversorgung, z.B. der Dokumentlieferung, schwierig. Sie sehen also, schon die Grundfrage, was will ich eigentlich zählen, ist nur schwer zu beantworten. Und die Schwierigkeiten gehen weiter, wenn man an die Frage kommt, wie man zählen sollte. Aber das soll heute nicht mein Thema sein.
Nutzung
Um überhaupt etwas messen zu können, haben wir für uns schließlich entschieden, doch nur den Zugriff auf Volltexte zu messen. Die Zahlen, die ich Ihnen im weiteren Verlauf zeige, beziehen sich also ausschließlich auf Volltextzugriffe.
Folie 3: Nutzung an der ULB Düsseldorf
Nutzung kann man nur messen, wenn das Angebot in der Uni auch breit bekannt ist. Wir haben daher zu Beginn des Projektes mit verschiedenen Werbemaßnahmen auf unser Angebot aufmerksam gemacht und konnten dann auch eine ständig steigende Nutzung beobachten, die sich ab Frühjahr 1999 auf einem gewissen Niveau einpendelte. Trotz einer monatlichen Schwankungsbreite können wir für 1999 eine monatlich ziemlich konstante Nutzung mit durchschnittlich knapp 3000 Volltextaufrufen pro Monat ausweisen. Das Gesamtjahr 1999 verzeichnete insgesamt 33280 Volltextaufrufe an der ULB Düsseldorf; oder anders ausgedrückt: ca. 100 Volltextzugriffe pro Tag.
Wenn man von Nutzungsstatistik spricht, steht zunächst immer ein Titel-Ranking im Mittelpunkt des Interesses, das angibt, wie häufig jeder einzelne Titel genutzt wurde bzw. wie die Nutzungsverteilung über das Gesamtangebot aussieht. Unsere TOP 15-Titel haben dabei folgenden Anteil an der Gesamtnutzung:
Folie 4: Die TOP 15 der ULB Düsseldorf
Dieser Ausschnitt zeigt aber ja nur die Spitzentitel. Einen Überblick über die Nutzung des Gesamtangebotes zeigen folgende Bilder:
Folie 5: Nutzungsverteilung (1275 Elsevier-Titel)
Folie 6: Nutzungsverteilung (Ausschnitt 1- 49 Nutzungen)
Diese Grafik differenziert den Bereich zwischen 1 und 49 Nutzungen und zeigt deutlich, daß die Masse der 874 Titel dieses Bereiches eben auch im unteren Nutzungsbereich zwischen 1 und 5 Nutzungen zu finden ist.
Nun ist Nutzung, wie schon gesagt, sicher nicht allein durch Volltextzugriffe zu definieren. Gerade das Browsing in Inhaltsverzeichnissen und Abstracts ist vermutlich die beliebteste Nutzungsform. Das bestätigen auch unsere Untersuchungen der Sessionstruktur, die zeigen, daß fast die Hälfte aller Nutzungen ohne Volltextaufruf stattfanden (wobei wir als Session den Zeitraum bezeichnen, den sich ein Benutzer am Stück mit unserem elektronischen Zeitschriftenangebot beschäftigt).
Folie 7: Volltextnutzungen innerhalb einer Session
- 46% aller Nutzungen ohne Volltextzugriff - evtl. ein Zeichen für den hohen Browsing-Anteil
- In 30% wird genau ein Artikel aufgerufen, in vielen Fällen sicher ein Indiz dafür, daß eine konkrete Quellenangabe zugrunde lag.
- Und 24% aller Sessions enthielten mehr als einen Volltextaufruf. Hier sind wohl vermehrt manuelle oder automatische Themensuchen anzutreffen bis hin zu automatischen Suchrobotern, die grundsätzlich jeden Artikel einer Zeitschrift oder mit einem bestimmten Stichwort herunterladen.
Akzeptanz
Folie 8: Akzeptanz in der Uni Düsseldorf
Aus der insgesamt schwachen Nutzung des Gesamtangebotes kann man aber nicht per se auf mangelnde Akzeptanz schließen. Elektronische Zeitschriften werden in Düsseldorf inzwischen nicht nur sporadisch genutzt, sondern auch wirklich nachgefragt. Wir erhalten nicht nur vermehrt Erwerbungsvorschläge, sondern auch indirekt eine Rückmeldung über die Nutzung immer dann, wenn etwas vorübergehend mal nicht funktioniert. Das erfahren wir immer sehr schnell durch Benutzerreaktionen, was zeigt, daß im Grunde ständig auf unser Angebot zugegriffen wird.
Eine fachspezifische Auswertung der Nutzung zeigt klare Spitzen im Bereich der Medizin und etwas dahinter der Biologie, was aber erstens angesichts der Forschungsausrichtung der Universität Düsseldorf nicht verwunderlich ist und zweitens eben auch den Anteil der Titel am Gesamtangebot widerspiegelt. Eine genauere fächerspezifische Untersuchung bringt aufgrund der unterschiedlichen Gewichtung der Fächer im Gesamtangebot keine weiteren Erkenntnisse.
Ebenfalls schwierig festzustellen ist, von wem das Angebot eigentlich genutzt wird. Wir haben zwar insgesamt etwas über 1000 verschiedene URL`s ausmachen können, die auf unser Angebot zugegriffen haben, bei den wenigsten aber läßt sich eine einzelne Person dahinter vermuten. Viele deuten auf ein Institut hin und hinter vielen stehen eben auch PC-Pools oder Proxy-Server, bei denen die Anzahl der verschiedenen Nutzer auch nicht annähernd geschätzt werden kann. Der Anzahl der Nutzer dürfte daher weit über 1000 gelegen haben.
Neben der sofortigen Verfügbarkeit besteht ein weiterer Vorteil elektronischer Zeitschriften in der Verfügbarkeit auch außerhalb des Campus`, also z.B. von zuhause aus. Auf das Konto dieser Nutzer, die sich zunächst in das Uninetz eingewählt hatten, gehen ca. 6% aller Nutzungen. Dagegen ist die Nutzung durch sogenannte Walk-in-User in der Bibliothek doch eher gering. Sie liegt unter 1,5%, wobei in dieser Zahl auch noch die Zugriffe durch Bibliotheksmitarbeiter enthalten sind.
Grund- und Spitzenversorgung
Folie 9: Grund- und Spitzenversorgung
Die Differenzierung von Grund- und Spitzenversorgung ist für die DFG ein zentraler Aspekt, schließlich sollte in einem Finanzierungsmodell ausschließlich die Spitzenversorgung gefördert werden. In einem Beitrag über Grund- und Spitzenversorgung hat Volker Schümmer im letzten Jahr Kriterien genannt, wie sich Grundversorgung im Bereich gedruckter Zeitschriften definieren läßt:
- - überragend wichtig sind auf verschiedenen Gebieten,
- - eine hohe Reputation besitzen,
- - eine hohe Benutzungsfrequenz aufweisen,
- - die an allen Bibliotheken, unabhängig von der lokalen Schwerpunktbildung der Forschung, stark nachgefragt werden.
Wendet man diese Definition auf elektronische Zeitschriften an, bietet sich als Untersuchungsobjekt das gesamte NRW-Konsortium mit seinen 8 Universitätsbibliotheken an, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Forschungsschwerpunkte schon eine ganz gute repräsentative Basis bilden. Die Forderung nach hoher Benutzungsfrequenz ging in unsere Untersuchung in der Form ein, daß pro Bibliothek nur die Titel berücksichtigt wurden, die mindestens 60 Volltextnutzungen pro Jahr aufweisen - also durchschnittlich 5 pro Monat - was wirklich nicht viel ist. Mit diesen Parametern kamen wir zu folgendem Ergebnis:
Insgesamt wurden in den 8 Bibliotheken 338 Titel mindestens 60 mal genutzt. Aber nur einer davon auch 60 mal in allen 8 Bibliotheken. 3 Titel in 7 Bibliotheken usw.
D.h. der Grundbedarf würde streng genommen nur aus diesem einen Titel bestehen. Selbst wenn man den Maßstab nicht ganz so eng anlegt und auch noch Titel zum Grundbedarf zählt, die nur in 75% aller Bibliotheken eine hohe Nutzung aufweisen, würden hiernach nur 6 Titel zum Grundbedarf zählen. Geht man ausschließlich von der Nutzungsseite an diese Frage heran, zeigt sich also kein überregionaler Grundbedarf, sondern nur ein lokalspezifischer an den einzelnen Bibliotheken.
Da Spitzenbedarf mit diesen Zahlen nicht zu quantifizieren war, haben wir auch die umgekehrte Überlegung angestellt und untersucht, wieviele Titel im Konsortium nicht oder nur sehr wenig genutzt wurden.
Folie 11: Nutzung des Spitzenbedarfs im Konsortium
Nach diesen Zahlen stellen die 34 Titel mit Nullnutzung den absoluten Spitzenbedarf dar (wobei das Wort "Bedarf" ja hier nicht ganz zutreffend ist). Abhängig davon, bei bis zu wieviel Nutzungen pro Jahr man noch von Spitzenbedarf sprechen will, erhält man aus diesem Bild aber eine recht gute Mengenangabe.
Bedarf
Bisher haben wir die Nutzung titelbezogen betrachtet, fest verwurzelt in der traditionellen Publikationsstruktur von Zeitschriften. Was wir aber real gemessen haben, war jedesmal nur die Nutzung eines einzelnen Artikels. Strenggenommen spiegelt sich darin zunächst einmal nur der Bedarf nach diesem Artikel wider. Grund genug für uns, auch auf dieser Ebene mal die Nutzung zu untersuchen. Insgesamt verzeichnet der Elsevier-Server rund 1.000.000 Artikel für die Jahre 1995-1999. Davon wurden 1999 an der ULB Düsseldorf 25.187 verschiedene Artikel genutzt.
Folie 12: Nutzung auf Artikelebene
- D.h. 97,5 % aller vorhandenen Artikel wurden nicht genutzt.
- Von den 2,5% genutzten Artikeln wiederum wurde 81 % nur ein einziges Mal aufgerufen.
Bei den allermeisten Zeitschriften stellt sich also die Frage, ob wirklich ein Bedarf an dem Titel vorhanden ist oder ob der Bedarf sich nicht eher auf einzelne Artikel reduziert. Dies umso mehr vor dem Hintergrund von immer besseren Retrievalsystemen auf Artikelbasis.
Die Frage nach dem Bedarf von Titeln haben wir noch von einer anderen Seite beleuchtet. Ausgehend von der Überlegung, daß ein Nutzer (in diesem Fall also z.B. ein Wissenschaftler der Universität Düsseldorf), der Bedarf an einem bestimmten Titel anmeldet, diesen Titel doch zumindest einigermaßen regelmäßig nutzen sollte, haben wir die Regelmäßigkeit der Nutzung für unsere Spitzentitel untersucht und das Ergebnis überrascht doch ein wenig.
Folie 13a: Regelmäßige Nutzung I
Folie 13b: Regelmäßige Nutzung II
Folie 13c: Regelmäßige Nutzung III
Es zeigt sich, daß es auch bei den Spitzentiteln viele Nutzungen gibt, bei denen lediglich Bedarf an einem Artikel bestanden hat. Die Anzahl der Nutzer, bei denen aufgrund regelmäßiger Nutzung Bedarf an dem Zeitschriftentitel selbst ausgemacht werden kann, ist doch sehr gering.
Und das gilt nicht nur für unseren TOP-Titel, bei den anderen Spitzentiteln zeigt sich dasselbe Bild; und bei Titeln mit geringerer Gesamtnutzung ist ohnehin keine regelmäßige Nutzung mehr zu erwarten.
Und noch ein Wort zum Bedarf: Alle von uns gemessenen Volltextaufrufe waren für den Nutzer kostenlos und, herrlich bequem, nur einen Klick weit entfernt. Wie hoch wäre aber der "Bedarf", wenn man die Rahmenbedingungen ein wenig verändert? Wäre allein der Zugriff etwas beschwerlicher, also z.B. mit einer doch umständlichen Identifizierung des Nutzers verbunden, wäre der "Bedarf" vermutlich nicht mehr sehr hoch. Aus dem Print-Bereich ist ja bekannt, daß die Attraktivität einer Zeitschrift mit der Entfernung zu ihrem Standort abnimmt. Und wie würde sich der "Bedarf" erst darstellen, wenn ein Volltextzugriff eine, wenn auch nur geringe, Eigenbeteiligung erfordern würde? Fragen, die man sich stellen muß, bevor man von unseren Nutzungsergebnissen auf andere Lieferformen, wie Dokumentlieferung oder pay-per-view schließen kann !
Fazit
Unsere Untersuchungen zeigen deutlich, daß sich elektronische Zeitschriften als Medienform zu etablieren beginnen. Dabei ist es wie bei jedem neuen Medium: die einen akzeptieren es schneller als andere. Der Anstieg der Nutzung hat sich 1999 im NRW-Konsortium abgeflacht - momentan bewegt er sich ziemlich konstant bei ca. 15000 Volltextnutzungen pro Monat. Angesichts des inzwischen schon zwei Jahre alten Angebotes und damit einem recht hohen Bekanntheitsgrad in den Unis ist man versucht, darin einen gewissen Sättigungsprozeß zu erkennen. Dies aber vor dem Hintergrund der immer noch in hohem Maße vorhandenen parallelen Print-Abos. Und die sind auch dafür verantwortlich, daß der Blick auf den wirklichen Zeitschriftenbedarf noch verschleiert wird. Denn den kann man mit unseren recht guten Methoden im elektronischen Bereich erst dann wirklich genau messen, wenn ein Ausweichen auf die parallele Print-Publikation nicht mehr möglich ist.
Zum Bedarf läßt sich soviel aber schon sagen: Die Artikelflut, die über uns hereinbricht, können unsere Benutzer auch nicht ansatzweise konsumieren. Unter Nutzungsaspekten gibt es nur wenige Zeitschriftentitel, denen ein tatsächlicher Bedarf zu attestieren ist.
Alles andere wäre, von der Kostenseite her gesehen, durch den Zugriff auf einzelne Artikel sicher besser abzudecken,was deutlich für die in den anderen beiden Projekten verfolgten pay-per-view-Ansätze spricht.





