- Historischer Wert und Restaurierungsbedürftigkeit des Altbestandes
- Die Auswahl der Kandidaten für die Buchpatenaktion
- Anlage und Absicht der Einzelbeschreibungen
1. Historischer Wert und Restaurierungsbedürftigkeit des Altbestandes
"Die Universitätsbibliothek Düsseldorf stellt mit ihrem von der ehemaligen Landes- und Stadtbibliothek übernommenen Altbestand nicht nur ein großes niederrheinisches Kulturerbe dar, sondern eine der allerwichtigsten historischen Sammlungen des Landes Nordrhein-Westfalen, der für beinahe jede Art von landesgeschichtlicher Forschung zentrale Bedeutung zukommt." Dieses nun sieben Jahre alte Zitat (Düsseldorfer Jahrbuch 62, 1990, S. 11) besitzt gewiß auch heute seine volle Gültigkeit. Ja, man wird feststellen dürfen, daß diese Aussage vor vier Jahren eine zusätzliche, sozusagen institutionelle Bestätigung erfuhr. Im Juni 1993 wurde die Universitätsbibliothek ganz offiziell zur Universitäts- und Landesbibliothek.
Ihren kostbaren Altbestand verdankt die Bibliothek der Heinrich-Heine-Universität ihrer städtischen Vorgängerbibliothek, der Landes- und Stadtbibliothek Düsseldorf. Die Stadt Düsseldorf hat dieses kulturelle Erbe treu bewahrt. Die Universität (und zwar aufgrund der speziellen Altbestandsstruktur der Bibliothek besonders die Philosophische Fakultät) hat nun die Aufgabe, diesen kostbaren Schatz wissenschaftlich zu erschließen.
Die Verdienste der Stadt Düsseldorf um die Erhaltung der Bestände sind um so höher zu bewerten, da die Provenienz der Handschriften und alten Drucke keineswegs überwiegend städtisch, sondern regional niederrheinisch ist. Kern des Altbestandes in der Bibliothek der Heinrich-Heine-Universität ist nämlich das nach dem Reichsdeputationshauptschluß (25. Februar 1803) in einem Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt in die kurfürstliche, bzw. großherzogliche Bibliothek in Düsseldorf gelangte Säkularisationsgut. Es stammt überwiegend aus 22 rechtsrheinischen Klöstern, Stiftern, Konventen und Kollegienhäusern. Grundsätzlich gelangten nach Düsseldorf die Buchbestände der geistlichen Korporationen des Herzogtums Berg, des rechtsrheinischen Teils des Herzogtums Kleve, der Grafschaft Mark, der unter klevisch-märkischer Vogtei stehenden Reichsstifter Essen und Werden und der Reichsstadt Dortmund.
Zusätzlich finden sich in Düsseldorf aber auch einzelne Werke, die aus den Bibliotheken einiger linksrheinischer Klöster stammen (u.a. Benediktinerabteien Groß St. Martin und St. Pantaleon in Köln, Zisterzienserabtei Kamp, Zisterzienserpriorat Bottenbroich). Bezeichnenderweise ist bei den Werken dieser Provenienz anders als bei den rechtsrheinischen Beständen keine exklusive politisch-territoriale Zuordnung möglich. In einigen Fällen läßt sich die Übertragung aus linksrheinischen in rechtsrheinische Klöster als Schenkung nachweisen, die von älteren und besser ausgestatteten Häusern an jüngere und ärmere Konvente erfolgte. In der Mehrzahl handelt es sich aber wohl um Bücher, die nach der Besetzung des linken Rheinufers durch das revolutionäre Frankreich 1794 von einzelnen Mönchen und Mendikanten, die in scheinbar noch unbedrohte rechtsrheinische Konvente übersiedelten, mitgebracht wurden.
Zu den bedeutendsten nach Düsseldorf verbrachten Beständen zählen besonders diejenigen der folgenden Vorbesitzer: Zisterzienserabtei Altenberg, Reichsfürstliches Kanonissenstift Essen, Benediktinerabtei St. Michael in Siegburg und Reichsunmittelbare Benediktinerabtei St. Ludgerus in Werden. Sie sind alle vier bei den Provenienzen der Buchpatenkandidaten (teils mehrfach) vertreten.
Besonders umfangreiche spätmittelalterliche Handschriftenbestände sowie zahlreiche Drucke des 15. und 16. Jahrhunderts stammen aus mehreren niederrheinischen Kreuzbrüderkonventen. Die Konvente von Marienfrede (nördlich von Wesel) und von Düsseldorf finden sich mehrmals als Vorbesitzer der für die Patenschaft empfohlenen Bände.
Etwa ein Fünftel der Drucke und ein Sechstel der Handschriften des Düsseldorfer Altbestandes sind restaurierungsbedürftig. Es ist absolut notwendig, den ersehnten Paten die Gründe für die Schäden an den alten und kostbaren Büchern nach bestem Wissen und Gewissen zu nennen. Die heute vorhandenen schweren Schäden lassen sich kausal in drei Gruppen einteilen.
Einmal gibt es (relativ wenige) Handschriften und Drucke von höchstem Wert, die einen "Krankheitskeim" schon seit ihrer Entstehung in sich tragen. Dies bedeutet, daß die materiellen Bestandteile der Bände chemisch zerfallen oder sich gar gegenseitig zersetzen. Es handelt sich dabei um sehr komplizierte und für den mittelalterlichen Hersteller meist nicht erkennbar gewesene Zusammenhänge. Gründe sind die im nachhinein falsche Wahl bestimmter Werkstoffe, z.B. bei den Farben der Miniaturen, den Tinten, den Gerbmitteln für das Leder der Einbände etc.
Weit größer ist die zweite Gruppe der Schäden, derjenigen, die durch unvorhersehbare Unglücksfälle der Jahrhunderte oder durch unabsichtliche und durch unvermeidbare schlechte Aufbewahrung hervorgerufen wurden. Den größten Teilbereich dieser Gruppe bilden direkte und indirekte Kriegsschäden aller Epochen, die zwar aufgrund menschlichen Verschuldens, aber nicht durch die Schuld der Bucheigentümer hervorgerufen wurden.
Schließlich gibt es drittens auch Fälle, in denen Bücher offensichtlich von ihren Besitzern vernachlässigt wurden. Dies geschah gewiß auch in Klöstern zu Zeiten spirituellen Verfalls oder wirtschaftlichen Niedergangs, vor allem aber während der Säkularisierung der kirchlichen Bibliotheken beim Abtransport der Bücher und noch während der ersten Jahrzehnte ihrer Verwahrung in staatlicher Obhut.
Der Restaurierungsbedürftigkeit entspricht heute als positives Äquivalent die - so weit überhaupt möglich - vollkommene Sicherung des Altbestandes gegen weiteren Verfall. Seit der Übernahme der städtischen Handschriften- und Inkunabelsammlung durch die Universitätsbibliothek am 23. Mai 1977 und der Fertigstellung des neuen Tresorraumes 1979 sind die Aufbewahrungskonditionen nach internationalem Standard optimal.
Daher kann von einem jetzt am Ende des zweiten Jahrtausends restaurierten Buch erwartet werden, daß sich die finanziellen Aufwendungenseiner Wiederherstellung - zwar nicht betriebswirtschaftlich betrachtet für den Buchpaten, aber volkswirtschaftlich gesehen als eine Sonderform der Bildungsinvestition - im dritten Jahrtausend amortisieren werden.
2. Die Auswahl der Kandidaten für die Buchpatenaktion
Aus der großen Fülle der restaurierungsbedürftigen Bücher des historischen Altbestandes wurden hier nur 40 ausgewählt. Es ist daher selbstverständlich, daß die Auswahl mit größter Sorgfalt geschehen mußte. Es wurden keine Handschriften und keine Druckwerke in die Kandidatenliste aufgenommen, die nicht die folgenden drei Bedingungen erfüllen:
Der Band muß von besonderem Wert sein.
Dieser Wert entspricht nicht unbedingt dem "Geldeswert", mit dem vergleichbare Werke in Antiquariatskatalogen, Ergebnislisten von Auktionen etc. verzeichnet sind. Der Wert eines alten Druckes für die historische Forschung innerhalb und außerhalb der Universität kann nämlich ganz überwiegend in seinem nachträglichen Beiwerk liegen. So sind z.B. handschriftliche Glossen späterer Besitzer oft für die Wissenschaft bedeutender als der gedruckte Grundtext.Die Notwendigkeit der Restaurierung muß unabweisbar und aktuell, d.h. unaufschiebbar sein.
Schwer beschädigte mittelalterliche Handschriften oder alte Drucke, die sich nicht in einem fortschreitenden Verfall, sondern in einem schlechten, aber statischen Materialzustand befinden, sind im allgemeinen nicht berücksichtigt worden. Sie wurden aber doch in die Kandidatenliste aufgenommen, wenn sie im gegenwärtigen Zustand nicht benutzbar sind und wenn schon ein Nutzungsbedarf angemeldet wurde oder vorauszusehen ist.Nur forschungsrelevante Bände, nicht solche, die vorwiegend bibliophile Kostbarkeiten darstellen, sind in der hier vorgelegten Liste enthalten.
Hier liegt der Grund für die Beschränkung der Buchpatenaktion auf das "Alte Buch" in engeren Sinne. Im Düsseldorfer Bestand sind auch beschädigte kostbare Illustrationswerke des 18. bis 20. Jahrhunderts vorhanden. Diese werden aber gegenwärtig an der Heinrich-Heine-Universität nicht für Forschungen genutzt.
Die Kriterien der ersten und zweiten Bedingung sind eindeutig. Bei der dritten Bedingung, der Forschungsrelevanz, kann eine Bibliothek von sich aus keine allein verantwortete Entscheidung treffen. Es wäre Hybris, würde ein Bibliothekar dem Forscher Vorgaben machen. Deshalb wurden in die Liste der 40 Bände nur solche aufgenommen, die gegenwärtig für die Mittelalter- und Renaissanceforschung an der Heinrich-Heine-Universität oder (an zweiter Stelle) für die landeshistorischen Arbeiten im Rheinland Bedeutung haben.
Werbestrategien fanden bei der Auswahl der Kandidaten für die Buchpatenaktion keine Anwendung. Nicht sittliche Bedenken, sondern die strikte Anwendung der genannten Auswahlkriterien haben dies verhindert. Die hier vorgestellten 40 Titel lassen ein deutliches Übergewicht der Theologie und ihrer Nachbardisziplinen erkennen. Dieses entspricht ganz und gar der Struktur des Düsseldorfer Altbestandes, wobei bei den mittelalterlichen Handschriften naturgemäß die Kirchenväter und bei den Drucken des 16. Jahrhunderts die Reformatoren und ihre Gegner die Autorenmehrheit stellen.
Selbstverständlich enthalten die historischen Sammlungen der Bibliothek auch medizinisches, historiographisches, grammatisch-philologisches und naturwissenschaftliches Schrifttum. Alle vier Bereiche sind ja auch in der Kandidatenliste enthalten, die Medizin stellt immerhin 10 Prozent der Vorschläge. Der Grund, warum die nicht-theologischen Schriften keine den Bestandsverhältnissen gegenüber überproportionale Berücksichtigung finden konnten, ist der, daß sie bisher bei der Restaurierung entsprechend dem Forschungsinteresse bevorzugt wurden.
Die Auswahl der 40 Patenschaftsvorschläge aus der Menge möglicher Buchpatienten war nicht einfach. Die letztlich nicht zur Kandidatur zugelassenen Titel stellen eine beeindruckende imaginäre, besser "virtuelle" Reserveliste dar.
3. Anlage und Absicht der Einzelbeschreibungen
Die insgesamt 40 mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handschriften und Drucke sind nach einem System beschrieben, das sich gänzlich aus den Erfahrungen ergeben hat, die bei der ersten Buchpatenaktion 1989 gemacht wurden.
Damals, also vor neun Jahren, wurde die Entscheidung gefällt, keine ausführlichen wissenschaftlichen Beschreibungen zu liefern. Vielmehr wurden Kurzbeschreibungen fast ohne Gebrauch der kodikologischen Fachtermini verfaßt, deren äußerst knappe Aussagen aber dem Inhalt nach natürlich wissenschaftlich fundiert waren. Es wurde aber auch eine zweite Entscheidung getroffen, nämlich die, mit den über die Beschreibung hinausgehenden Zusatzinformationen ebenfalls zu geizen.
Es hat sich in den Gesprächen mit den Buchpaten der damaligen Patenschaftsaktion deutlich herausgestellt, daß die erste Entscheidung richtig und die zweite falsch war. Kein einziger Buchpate verlangte nach genaueren bibliographischen Daten oder gar nach detaillierteren Kollationsvermerken. Ausnahmslos alle bisherigen Buchpaten wünschten aber zusätzliche Informationen über den Inhalt des Buches, die Persönlichkeit des Verfassers und vor allem über den "historischen Ort", den das jeweilige Werk in der europäischen Geistesgeschichte einnimmt.
Wer für die Erhaltung eines alten Buches spendet, will eben mit Recht wissen, wozu die mittelalterliche Handschrift oder der kostbare Frühdruck zur Zeit der Entstehung gedient hat und welche Bedeutung das Werk für die heutige Forschung besitzt. Das öffentliche Interesse am alten Buch richtet sich nicht so sehr auf kodikologische Einzelheiten wie auf den kulturhistorischen Kontext. In der vorliegenden Broschüre wurde dieser Tatsache Rechnung getragen.
So wurden reichlich, wenn auch notwendig selektiv, Informationen über die Verfasser, die literarische Gattung oder die Vorbesitzer der hier vorgestellten restaurierungsbedürftigen Werke gegeben. Mit vergleichenden Hinweisen auf bekanntere ähnliche Werke oder geistig verwandte, aber berühmtere Autoren wurde nicht gespart.
Wie in der ersten Vormerkung erläutert wurde, ist der historische Altbestand der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf durch und durch regional geprägt. Dem wurde auch bei den Informationen und Erklärungen der Einzelbeschreibungen Rechnung getragen. Deshalb sind landesgeschichtlich rheinische Bezüge stets berücksichtigt worden. Das gleiche gilt auch für die eventuellen Beziehungen der "Patenschaftsobjekte" zur Geschichte der Stadt Düsseldorf. Beide Entscheidungen sind einmal sachlich begründet, zum anderen wollen sie aber auch ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber den Buchpaten der ersten Patenschaftsaktion setzten. Unter deren individuellen und kooperativen Spendern befanden sich nämlich sehr viele mit landes- oder ortsgeschichtlich motivierten Intentionen.
Obwohl im allgemeinen in den Beschreibungen sehr zurückhaltend mit der Auszeichnung durch Fettdruck umgegangen wurde, sind Hinweise auf die regionale und lokale Geschichte relativ häufig auf diese Weise hervorgehoben worden, und zwar ohne Rücksicht auf das graphische Gesamtbild, also den ästhtischen Eindruck der Druckseiten.
Bei allen Erklärungen wurde die historische Fachterminologie weitestgehend gemieden. (Diese unbedingte Notwendigkeit hat nichts mit herablassender Didaktik zu tun, seitdem sich die Fachsprachen immer extremer spezialisieren.) Ziel der Erläuterungen ist der Dialog mit dem potentiellen Buchpaten.
Wissenschaft bedarf grundsätzlich der Öffentlichkeit. Die historischen Disziplinen sind aber, wie gerade einige ihrer besten Vertreter (u.a. Fernand Braudel, Georges Duby, Ferdinand Seibt) in jüngster Vergangenheit erneut gezeigt haben, in ganz besonderem Maße auf die Reflexion ihrer Ergebnisse in der Gesellschaft angewiesen. Es geht nämlich bei der Buchpatenaktion nicht darum, besonders kostbare Stücke für die Schatzkammer der Heinrich-Heine-Universität zu konservieren, sondern zukünftige Forschung zu ermöglichen und gleichzeitig Kulturgut der Gesamtgesellschaft zu erhalten. Die Absicht der Beschreibungen ist, dieses Ziel transparent zu machen.
Alle 40 Beschreibungen sind nach demselben Schema angelegt. In einer knapp formulierten Überschrift wird versucht, das allerwichtigste über den "Patenschaftskandidaten" auszusagen. Bei den Handschriften folgen unmittelbar darauf notwendig die Angaben zu Provenienz und Datierung. Den Abschluß der Kopfzeilen bildet bei allen Beschreibungen die Signatur des Bandes. Die eigentliche Beschreibung (einschließlich der Restaurierungsplanung) ist stets dreiteilig aufgebaut.
Der erste Teil enthält in Kleindruck die bibliographischen Angaben. Jeder, der sich wissenschaftlich genauer über die Handschrift oder den Wiegendruck informieren will, wird hier auf die Verzeichnungsnummer im 1994 gedruckten Inkunabelkatalog der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf oder die im 1993 erschienenen Handschriftencensus Rheinland verwiesen. Im zweiten Teil wird vergleichsweise ausführlich auf den historischen Wert und das geschichtliche Umfeld des "Kandidaten" eingegangen. Der dritte Teil beschreibt in Kürze die notwendigen Restaurierungsmaßnahmen und nennt die dafür gewissenhaft ermittelten Kosten.

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