I. Handschriften des Mittelalters und der Renaissance
1. Einleitung
Bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts waren alle Bücher (zumindest außerhalb des fernöstlichen Kulturkreises) Manuskripte, d.h. ihr gesamter Text mußte mit der Hand geschrieben werden. Dies geschah in den Skriptorien (Schreibstuben) der Klöster und der Kanonikerstifte. Die Kirche war in Früh- und Hochmittelalter fast einziger und im Spätmittelalter immerhin noch der weitaus bedeutendste Träger aller Schriftkultur.
Während in der neuzeitlichen Buchkultur (jedenfalls bis zum Anbruch des "Informationszeitalters", das wieder ältere interaktive Strukturen möglich macht) die Herstellung von Büchern durch Verfasser, Verleger und Drucker, ihre Verbreitung durch Buchhandel und Bibliotheken und ihr "gelesen werden" durch die endlich erreichten Zielgruppen drei getrennte Bereiche darstellten, war dies im mittelalterlichen Europa ganz anders. Produktion, Distribution und Rezeption bildeten weitestgehend ein Einheit. Schreibstube und Bibliothek waren oft sogar räumlich zusammengefaßt, Autor, Kopist und Leser häufig in einer Person vereinigt.
Im früh- und hochmittelalterlichen Europa war Pergament der bei weitem wichtigste Beschreibstoff. Praktisch alles, was über die flüchtige Notiz hinausging, wurde diesem materiellen Träger anvertraut, der recht haltbar, aber auch sehr teuer war. Durch die zunächst fast ausschließliche Verwendung des Pergaments unterschied sich die mittelalterliche Buchkultur wesentlich von der Antike, die an erster Stelle Papyrus verwandt hatte.
Pergament wurde aus ungegerbten Tierhäuten, vornehmlich von Schafen und Ziegen hergestellt. (Rindspergament, wichtiger Beschreibstoff im angelsächsischen England, findet sich bei den Düsseldorfer Handschriften nur sehr selten.) Die Häute wurden mit gelöschtem Kalk behandelt, in Kalkwasser gebleicht, sorgfältig glatt geschabt und meist zusätzlich mit Kreide geweißt. (Leder, also gegerbte Tierhaut, war im Mittelalter als Beschreibstoff nicht unbekannt, wurde aber in Europa fast ausschließlich für die Thora-Rollen des jüdischen Gemeindegottesdienstes verwendet.)
Obwohl in Spanien Papier schon im 12. Jahrhundert verbreitet war, wurde es in Italien erst im 13. und in Deutschland gar erst im 14. Jahrhundert allgemein gebräuchlich. Für (schon zur Zeit ihrer Entstehung) besonders kostbare Handschriften, ja sogar für einzelne Frühdrucke wurde auch am Ende des Mittelalters noch das traditionelle Pergament - natürlich in erster Linie wegen seiner größeren Haltbarkeit - verwendet.
Insgesamt ist im Düsseldorfer Altbestand die Anzahl der Papierhandschriften aufgrund der naturgemäß zahlreicheren spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kodizes größer als die der Pergamenthandschriften. Das Verhältnis ist etwa 56 : 44 Prozent. Unter den Patenschaftsvorschlägen befinden sich in umgekehrter Proportion 11 Pergament- und 9 Papierhandschriften. Trotz dieser "pergamentfreundlichen" Auswahl muß grundsätzlich betont werden, daß Pergamenthandschriften - zumindest für die Forschung - nicht eo ipso wertvoller sind als Papiermanuskripte.
Das Schreibgerät des Mittelalters war nach der Verdrängung des vegetabilischen Schreibrohres (calamus) fast ausschließlich die Vogelfeder (penna), bevorzugt der Gänsekiel. Bei den Tinten herrschte eine gewisse Vielfalt von pflanzlichen und metallischen Schreibstoffen und deren Mischungen. Für die Restaurierung stellen die damals kostbaren metallischen Tinten eher ein Problem dar als die aus organischen Substanzen gewonnenen Schreibstoffe, die mit Ausnahme des echten Purpurs weniger wertvoll waren.
Es ist fast unmöglich, über die zahlreichen Schreibstile und Schriftformen des Mittelalters eine zusammenfassende Kurzaussage zu machen. Festzuhalten bleibt aber, daß die im frühmittelalterlichen Nordfrankreich aus sehr verschiedenen Vorstufen entstandene karolingische Minuskel schließlich europaweite Verbreitung fand, nachdem sie im 10./11. Jahrhundert auch die englischen und im späten 11. Jahrhundert die letzten spanischen Skriptorien erobert hatte. Im westlich-lateinischen Kulturbereich blieb dieser so erfolgreichen Schriftform eigentlich nur Süditalien und Irland verschlossen.
Die karolingische Minuskel wurde nach ihrer Ablösung durch die weniger einheitliche gotische Minuskel durch den italienischen Humanismus im 15. Jahrhundert erneut (in nur wenig veränderter Form) eingeführt und ist Grundform unserer heutigen Kleinbuchstaben. Daraus ergibt sich, daß zumindest für den nicht besonders paläographisch geschulten Leser von heute Schriften des frühen Mittelalters (mit Ausnahme der vorkarolingischen) leichter zu lesen sind als die des Spätmittelalters.
Bei den zahlreichen spätgotischen Schriftformen (Textura, Rotunda, Bastarda, gotische Kursive etc.) ist bemerkenswert, daß sich unterschiedlicher Schriftgebrauch für unterschiedliche Textsorten einbürgerte. Die Hl. Schrift und liturgische Texte wurden mit einer anderen Schrift geschrieben als beispielsweise juristische Traktate. Wieder eine andere Schriftform fand Verwendung für Dichtungen und Erzählprosa in der Volkssprache.
Ein Teil der Düsseldorfer Handschriften ist durch Buchmalereien ausgeschmückt. Dies betrifft vor allem liturgische Manuskripte des 12. bis 13. Jahrhunderts. Die frühmittelalterlichen Handschriften weisen zu einem kleinen Teil, auf den ersten Blick fast unscheinbare, aber kunsthistorisch höchst bedeutend Federzeichnungen auf, von denen einige denjenigen des berühmten Utrechter Psalters künstlerisch nicht nachstehen.
Da die kostbarsten Illustrationen größtenteils bereits in der Vergangenheit - so weit notwendig und möglich - konservatorisch gesichtet wurden, was hauptsächlich indirekt durch Erneuerung der Codex-Bindung geschah, überwiegen bei den Buchpatenvorschlägen die Manuskripte, deren außerordentlicher Wert in ihrer Textüberlieferung besteht. So erklären Restaurierungsbedürftigkeit und Forschungsrelevanz gemeinsam den hohen Anteil patristischer und scholastischer Texte.
Im Altbestand der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf befinden sich insgesamt 429 Handschriften. Deren älteste stammt aus dem Irland des 8. Jahrhunderts, bedarf aber nicht der Restaurierung. Auch die meisten karolingischen Handschriften sind in einem Zustand, der keine aktuelle Notlage darstellt.
So kommt es, daß die älteste hier zur Patenschaftsübernahme empfohlene Handschrift von der Wende des 9. zum 10. Jahrhundert stammt, also in den Jahren um 900 geschrieben wurde. Alle im folgenden vorgestellten Handschriften sind durch die Arbeit der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf seit 1993 wenigstens im Ansatz wissenschaftlich erschlossen. Bei keiner einzigen Düsseldorfer Handschrift kann freilich die wissenschaftliche Erfassung als auch nur annähernd abgeschlossen gelten.
Jedes Manuskript ist ein Unikat. Der Verlust einer mittelalterlichen Handschrift durch den "natürlichen" Zerfall ist somit in jedem Einzelfall unwiederbringlicher Verlust einer historischen Quelle.
Weitere Auskünfte erteilen:
Marcus Vaillant,
0211 - 81-13523

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