II. Druckwerke des Spätmittelalters, des Humanismus und der Reformationszeit
1. Einleitung
Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts trat neben die Handschrift das gedruckte Buch. Wohl keine andere Erfindung ist so oft gefeiert und so häufig diskutiert worden wie die Gutenbergs, die für Goethe sogar einen "zweiten Teil der Weltgeschichte" begründete, "welcher vom ersten ganz verschieden ist". Kern von Gutenbergs Erfindung war sicher nicht die Buchdruckerpresse, deren Technik sich von der in seiner rheinischen Heimat üblichen Weinkelter nicht wesentlich unterschied, sondern sein Verfahren, durch das neu entwickelte Handgießinstrument vollkommen identische Einzelbuchstaben in beliebiger Menge zu produzieren. Diese konnten zu Worten, Zeilen und Seiten gefügt werden, deren Auflagenhöhe nicht vom Zwang der Technik, sondern von der Aufnahmefähigkeit des Marktes bestimmt war. An diesem Grundprinzip haben auch der Wegfall der Metallettern, der Lichtsatz und die neuesten Drucktechniken nichts geändert.
So "revolutionär" die dennoch in all ihren technischen Voraussetzungen ganz mittelalterliche Erfindung des Buchdrucks war, sie veränderte die Welt nicht von einem Tag auf den anderen. Vieles, was die Nachwelt unmittelbar mit der Erfindung des Buchdrucks in Verbindung gebracht hat, zeigte sich in Wahrheit erst Jahrzehnte nach Gutenbergs Tod. In mancher Hinsicht fand die "Revolution" erst durch die Flugschriften der Reformationszeit statt.Die seit etwa 1455 entstandenen ältesten gedruckten Bücher zeigen noch das Bild der Handschrift, und auf Jahrzehnte hinaus dienten die frühen Druckwerke auch Schreibern als Vorlage für ihre mühevolle Kopierarbeit. Solche von alten Drucken abgeschriebene Handschriften besitzt auch die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Diese sind aber natürlich nicht so kostbar, daß sie in die exklusive Liste der Buchpatenkandidaten gelangen konnten.
Die bis zum Jahre 1500 einschließlich gedruckten Werke nennt man Inkunabeln oder Wiegendrucke. ("Incunabula", ein Neutrum pluralis, bedeutet allerdings wörtlich nicht "Wiege", sondern bezeichnet eigentlich die Wickelbänder, mit denen Kinderwindeln zusammengehalten wurden.) Nun soll diese Benennung natürlich andeuten, daß die Druckkunst der ersten Jahrzehnte sozusagen noch in den Kinderschuhen steckte. Einige Inkunabeln, z.B. die Gutenbergbibel, sind allerdings dennoch in ihrer ästhetischen Vollendung kaum übertroffen worden.
Natürlich unterscheiden sich die frühen Drucke von den späteren in vielerlei Hinsicht (wobei die Epochengrenze 1500 eher willkürlich, doch fest eingebürgert ist), buchhistorisch entscheidend aber ist folgende Besonderheit: Jede einzelne Inkunabel sollte für sich als Individuum betrachtet werden.
Bei den verschiedenen Drucken aus ein und derselben Auflage ergeben sich nämlich immer wieder Abweichungen, da in der Frühzeit des Buchdrucks häufig im stehenden Satz - sozusagen während des Druckens - Änderungen vorgenommen wurden. Erkannte Fehler wurden schnellstens korrigiert (oder scheinbare Fehler "verschlimmbessert"), aber die bereits gedruckten Seiten dennoch meist verkauft. Es gab aber auch noch zahlreiche andere Gründe für die Änderungen im stehenden Satz, z.B. der Eingriff einer Zensurbehörde, die nicht notwendig zur Vernichtung bereits vollendeter Druckbögen führte.
Da die Bücher vom Drucker/Verleger in aller Regel (wie auch noch lange Zeit später) ohne Einband geliefert wurden, hat jede Inkunabel schon vom Augenblick des Bindens an ihre durch die Jahrhunderte oft sehr bewegte eigene Geschichte gehabt. Für die wissenschaftliche Forschung ist der Wert spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Drucke vor allem aufgrund der Eintragungen der Vorbesitzer in vielen Exemplaren dem der Handschriften keineswegs generell nachzuordnen.
Schließlich ist darauf hinzuweisen, daß in den Einbänden früher Drucke nicht selten bei der Restaurierung Fragmente mittelalterlicher Handschriften, die als "Makulatur" gebraucht wurden, freigelegt werden können. Bei zwei Einbänden des 15. Jahrhunderts wird in den Beschreibungen (Nr. 22 und 35) darauf ausdrücklich Bezug genommen.Die Einbände selbst bestanden wie bei den Handschriften meist aus mit Leder überzogenen Holzplatten. Dabei wurde in Mitteleuropa am häufigsten Buchenholz verwendet. Im Düsseldorfer Altbestand überwiegt aber - entsprechend einer spätmittelalterlichen Besonderheit niederrheinischer Klostereinbände - die Anzahl der aus Eichenholz (besonders aus Mooreiche) hergestellten Buchdeckel.In vielen Fällen wurde das Einbandleder durch Blindprägung künstlerisch aufwendig verziert. Gelegentlich enthalten die Blindstempel deutliche Hinweise auf den Vorbesitzer des Bandes.
Die Drucke des 16. Jahrhunderts haben ganz überwiegend schon prinzipiell Aussehen und Anlage eines "modernen" Buches, sind aber häufig sehr kostbar ausgestattet (Holzschnitte, Kupferstiche, etc.) und in vielen Fällen sehr selten. Auch noch im 16. Jahrhundert - wie natürlich erst recht während der Inkunabelzeit - war der Text der meisten gedruckten Bücher in lateinischer Sprache verfaßt. Auch für viele Druckwerke des 16. Jahrhunderts gilt der für die Inkunabeln festgestellte Charakter eines "Quasi-Unikats".
Die Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf hat in ihrem Altbestand insgesamt 998 Inkunabeln, die seit 1994 durch einen gedruckten Katalog erschlossen sind. Bereits von den Druckorten her ist der Bestand von den Anschaffungsgepflogenheiten der klösterlichen Vorbesitzer sehr stark regional niederrheinisch geprägt. Köln ist der mit weitem Abstand am meisten vertretene Druckort.
Insgesamt sind die Rheinstädte (aufwärts bis Basel einschließlich), aber auch die gesamten Niederlande unter den Druckprovenienzen sehr stark repräsentiert. Ein ganz besonderes Schwergewicht liegt in den östlichen Niederlanden. Allein 55 Inkunabeln stammen aus Deventer. Die oberdeutschen Druckorte (mit Ausnahme der oberrheinischen) sind weit geringer vertreten als allgemein bei einer deutschen Sammlung dieser Größenordnung zu erwarten ist. Der Anteil der französischen Inkunabeln entspricht dem bei einer rheinischen Sammlung zu erwartenden. Von den italienischen Druckorten ist Venedig mit über 70 Inkunabeln vertreten, wie es seinem Charakter als bedeutenster Druckerstadt des 15.Jahrhunderts entspricht. Die übrigen italienischen Inkunabelstädte (z.B. Rom und Mailand) sind sehr schwach repräsentiert oder fehlen ganz.
In der Düsseldorfer Sammlung ist das Verhältnis zwischen lateinischen und volkssprachlichen Drucken gegenüber dem von der Forschung vermuteten für die Gesamtzahl aller Inkunabeln noch mehr zugunsten der lateinischen Titel verschoben. Bei den volkssprachlichen fällt der relativ hohe Anteil der niederdeutschen (einschl. der westniederdeutschen, dem niederländischen "Oosters" nahestehenden) und der relativ niedrige Anteil der hochdeutschen Texte auf. (Das Hochdeutsche war im 15.Jahrhundert keine dem niederrheinischen Klerus und Adel vertraute Sprache.) Inhaltlich haben selbstverständlich die theologischen und kanonistischen Werke den größten Anteil. Besondere Beachtung verdient die Erbauungsliteratur im Geiste der Devotio moderna, zu der z.B. das hier unter Nr.39 zur Buchpatenschaft vorgeschlagene Werk gehört.
Die Anzahl der Drucke des 16. Jahrhunderts beträgt fast 5000. An ihrer Erschließung durch einen gedruckten Katalog wird noch gearbeitet. Auch im 16.Jahrhundert überwiegen die lateinischen Titel, die in der Düsseldorfer Sammlung über 80 Prozent des Bestandes (also mehr als 4000 Titel) ausmachen. Etwa 100 Werken in griechischer Sprache stehen rund 600 deutschsprachige und 70 französische Drucke gegenüber. Der Anteil der religiösen Werke im weitesten Sinne ist im 16.Jahrhundert ganz allgemein noch sehr groß, im betreffenden Düsseldorfer Bestand aber überwältigend. Einen relativ hohen Umfang haben auch die Gruppen der antiken Autoren, der Jurisprudenz, der Medizin und der Historiographie. Aus den eher seltenen Titeln mit technischem Inhalt, bzw. mit solchem aus dem Bereich der angewandten Naturwissenschaft, wurde der Buchpatenvorschlag 40 ausgewählt.
Insgesamt ist der Bestand des 16.Jahrhunderts in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf für die wissenschaftliche Forschung noch bedeutender als der Inkunabelbestand. Dies ist keineswegs nur in seinem fünfmal größeren Umfang begründet, sondern auch in seinem ungewöhnlich hohen Anteil an heute sehr selten gewordenen Druckwerken.
Weitere Auskünfte erteilen:
Marcus Vaillant,
0211 - 81-13523

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